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Kolumne „Mild bis rauchig“

Kirchensteuerparadies

Ein einziges Mal hat er es geschafft, dass den deutschen Bischöfen in ihrer Mehrheit und den ihnen beigestellten Theologen, Beratern und Kommunikationsprofis der Schweiß ausbrach. Schon oft hatte man sich diese Wirkung seiner Worte vorstellen können. Etwa bei seinen Reden und Predigten, in denen er gegen den Relativismus zu Felde zog oder als er den Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, den Titel „Kirche“ als präzise theologische Kategorie absprach.

Erst seine Rede im Freiburger Konzerthaus am 25. September 2011 war, was den Schweiß des kirchlichen Establishments anbelangte, erfolgreich. Benedikt XVI. sprach – ausgerechnet bei seinem letzten Besuch in seiner deutschen Heimat – von der Notwendigkeit einer „Entweltlichung“ der Kirche. Und weil er damit zweifelsfrei nicht die Kirche in Nigeria oder Kasachstan gemeint hatte, sondern die deutsche Kirche, war die Wirkung seiner Rede vor einem ausgewählten Auditorium aus in Kirche und Gesellschaft engagierten Katholiken nachhaltig.

Zunächst hatte der Papst in Kürze die Lage der deutschen Kirche umrissen: „Seit Jahrzehnten“, so sagte er, „erleben wir den Rückgang der religiösen Praxis.“ Und stellte daraufhin die Frage: „Muss die Kirche sich ändern? Muss sie sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen?“ Bis dahin wird das geneigte Publikum sich wohl noch in der Sicherheit progressiver Vordenkfabriken gewogen haben, die diese Fragen erstens mit „ja“ beantworten und die zweitens wohl zu wissen geglaubt hatten, dass die Verneinung von Neuerfindungen der Kirche in Lehre, Moral und Organisation durch den konservativen Papst zwar zu erwarten war, sie aber stets mit einem müden Lächeln ins ferne Rom zurücküberwiesen werden konnte.

Die Kirche hat zu sagen und zu tun, was ihr Christus aufgetragen hat

Aber es sollte anders kommen. Der Papst wechselte die Ebene und betrat das persönliche Leben eines jeden Einzelnen. Er rief zur Erneuerung auf, allerdings zu einer Erneuerung, die weit über einen neuen Anstrich hinausgehen müsse. Die Kirche müsse sich ihrer eigenen Sendung nämlich immer neu vergewissern, so sagte er. Und dies bestehe im Zeugnis von Jesus Christus und darin, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Und darin sei die Kirche stets von einer Gefahr umgeben, nämlich von der Verdunkelung dieses Zeugnisses durch die Entfremdung, die die „Ansprüche und Sachzwänge der Welt“ an diesem Zeugnis bewirken würden.

Mit anderen Worten: Die Kirche hat zu sagen und zu tun, was ihr Jesus Christus aufgetragen hat, aber dieser Auftrag wird beschädigt, wenn sie den Ansprüchen der Welt zu genügen versucht, statt sie, die Welt, durch ihre Ansprüche zu verändern.

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Papst Benedikt stellte diesbezüglich die Empfehlung von Papst Paul VI. in den Raum, sich als Kirche von der menschlichen Umgebung tief zu unterscheiden. Man darf vermuten, dass an dieser Stelle leichtes Unbehagen unter den Zuhörern hochzusteigen begann, die sich dann wenig später mit stockendem Atem den anschließend viel diskutierten Satz zur Lage der Kirche aus dem Mund des Papstes anhören mussten: „Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen „ent-weltlichen.“

Fassungslose Zuhörer, geschredderte Grundüberzeugungen

Jetzt war es raus: „Entweltlichung“! Was soll das bitteschön heißen? Will der Papst ins Ghetto? Jaja, das hat man ja immer schon vermutet, dass er ein Weltflüchtiger ist, jemand mit tiefsitzender Abneigung gegen die Zeitumstände, der an der „heilen“ Welt klebt und deswegen den Reifen nicht mehr auf dem Asphalt hat.

Zwar bekundete er in seiner Rede die Notwendigkeit, sich der Sorgen dieser Welt anzunehmen. Aber – und darin galt und gilt er dem deutsch-katholischen Establishment als aus der Zeit gefallen – dieses Sorgen um die Sorgen erscheint vielen als übergriffig. Es wird mit dem Bild einer Kirche verknüpft, die immer schon weiß, wie es zu laufen hat und die den Menschen darin ihre Botschaft „überstülpt“ – ein Begriff, mit dem man in der Regel jeden Versuch, die Welt zu bekehren, im Keim erstickt. Die Kirche soll stattdessen Welt, die Zeit, das Lebensgefühl absorbieren, um sich darin politisch, kulturell und gesellschaftlich anschlussfähig zu erweisen.

Die Zuhörer in Freiburg – so belegen es die sogleich nach der Veranstaltung eingefangenen O-Töne von Mitgliedern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken – waren einigermaßen fassungslos darüber, dass der deutsche Papst es wagte, in seinem deutschen Heimatland so nonchalant die Grundüberzeugung der assimilierten Kirchensteuerkirche zu schreddern, dass man nämlich auf Zeichen der Zeit nicht nur zu achten habe, sondern ihnen auch bedingungslos folgen sollte.

„Sie sind nicht von der Welt“

Benedikt aber blieb in seiner Rede gnadenlos bei der geradezu testamentarischen Kritik an den Seinen. Es gäbe eine Tendenz, so sagte er,

„dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin“.

Und deswegen müsse die Kirche diese Offenheit wieder stärker finden, denn, so zitierte der Papst die Worte Jesu aus Johannes 17,16: „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.“ Also: Nicht weltlicher werden, um zu überleben, sondern entweltlichter werden, um eben dieses Überlebensziel zu erreichen.

Es gilt, die Quellen nicht zu verlieren, aus denen man als Kirche lebt, das ist es, was Benedikt XVI. seinem Heimatland in Freiburg vor fünfzehn Jahren ins Stammbuch geschrieben hat.

Die Welt an Gott anpassen!

Aber was sollte das nun konkret bedeuten? Diese Frage ließ der Papst damals nicht unbeantwortet. Er traf mit seiner Positionierung den Nerv dessen, was die deutsche Kirche gegenwärtig in Anspruch nimmt. Der Papst riet konkret zur bewussten Entschlackung von all dem, was die Kirche im Laufe ihrer Geschichte im Zuge der verschiedenen Säkularisierungen schon häufiger unfreiwillig durch Enteignung von Kirchengütern oder Streichung von Privilegien verloren hat. Das alles, so der Papst, kann eine Chance sein, denn:

„Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis einer entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“

Eine Kirche ohne die Verstrickungen in das Zeitliche wird eben ihrem ursprünglichen Auftrag, das Ewige zu verkünden, besser gerecht. Das war die Botschaft des deutschen Papstes an seine Heimatkirche.

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Der Schock saß tief, denn über Jahrzehnte hatte man sich eingebildet, die deutsche Methode, Kirche zu sein, sei der ungekrönte Heilsbringer für ein modernes Christentum. Eine Methode, die die Kirche durch üppige Finanzmittel zu einem gesellschaftlichen „Player“ macht. Genau diese lange gehätschelte heilige Kuh des deutschen Katholizismus wurde nun von Papst Benedikt XVI. geschlachtet. Nicht ihre Akzeptanz in der Welt sei ihr Ruhm, sondern ihre Akzeptanz bei ihrem Stifter, der sie nicht gesandt hat, sich der Welt anzupassen, sondern die Welt an Gott anzupassen.

Mit dem Niveau eines Wohlfahrtsverbands zufrieden?

Die Freiburger Auserwählten, die das Konzerthaus im Anschluss mit teils hochroten Gesichtern verließen, haben seinerzeit eine Weile gebraucht, um wieder in ihr kirchensteuerlich ausgeglichenes Fahrwasser zu kommen. Als einer der ersten trat der Hausherr, der damalige Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, an die Mikrofone und beteuerte, der Papst wolle keinesfalls von der Kirchensteuer abrücken und fasste damit die offensichtliche Hauptsorge nach der päpstlichen Rede zusammen.

Seither ist viel Zeit vergangen, der Papst trat anderthalb Jahre nach seiner Freiburger Rede zurück, und die Deutschen hatten wieder ihre Ruhe. Was blieb, ist dennoch nicht nichts. Denn kein Geringerer als Jesus Christus selbst gibt zu erkennen, was er von der Frage der Verquickung von Religion und Welt hält: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21) – fertig! Die Religion darf sich nicht an etwas binden, das sie innerlich unfrei, träge, zeitbedingt und damit letztlich womöglich überflüssig macht.

So ist es ein nicht zu übersehender Reflex der deutschen Kirchensteuerkirche, dass die Finanzmittel, die ihr durch staatlichen Einzug zufließen, sie mehr und mehr von den geistlichen Quellen hat wegschwimmen lassen, aus denen sie eigentlich lebt. Allein das Soziologendeutsch, in das gemeinhin Pastoralpläne und Strukturreformpapiere gegossen sind, zeigt, wie weit weg sich unter Umständen eine Kirche von ihrem Wesen entfernen kann, wenn sie sich mit dem Niveau eines Wohlfahrtsverbands zufriedengibt.

„Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden …“

Genau das hatte der Papst schon einen Tag zuvor dem Rat des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zugerufen:

„In Deutschland ist die Kirche bestens organisiert. Aber steht hinter den Strukturen auch die entsprechende geistige Kraft – Kraft des Glaubens an den lebendigen Gott? Ich denke, ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt. Und ich füge hinzu: Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.“

Fünfzehn Jahre nach dem Schock, den die Entweltlichungsforderung Benedikts XVI. ausgelöst hatte, manifestiert sich die damalige Ignoranz der Verantwortlichen dem päpstlichen Rat gegenüber als fatal. Denn eine Kirche, die sich materiell und ideell dem Staat und seiner Welt andient und darüber den lebendigen Christus vergisst, die ihre Lebendigkeit danach bemisst, wie viele Angebote zur Wirbelsäulengymnastik oder Queerpastoral sie hat, deren Gläubige mehrheitlich nicht mehr beten, mit ihren Kindern nicht mehr in die Messe gehen, nicht mehr beichten, den großen Gott weniger um Rat fragen als die KI, die ihren Nachbarn und Freunden nicht mehr von ihrem Glauben erzählen, eine solche Kirche macht am Ende aus der Kirchensteuer, die ursprünglich als Alimentation für geleistete Caritas gedacht war, ein Blutgeld für den Verrat an ihrer Sendung.

Doch bald könnte die große Prüfung kommen

Bestes Beispiel ist der Schmusekurs der Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa der aggressiven Pro-Abtreibungspartei „Die Linke“ gegenüber. Das hat Papst Benedikt mit „Verweltlichung“ gemeint. Etwas, das aus der Kirche einen Gemischtwarenladen mit wohlfeilem Zeitgeistramsch macht. Das, was zunächst wie eine Hilfe aussieht – materielle Unterstützung durch die Steuer –, wird zur bleischweren Belastung, wenn es dazu führt, der Versuchung zu erliegen, sich mehr um die Fassaden als um das Innenleben zu kümmern.

Möglicherweise wird sich das alles aber in naher Zukunft auf einen durchaus unwillkommenen Prüfstand stellen lassen müssen. Dann nämlich, wenn tatsächlich der Krieg sich plötzlich vom Fernsehgerät auf unsere Straßen verlagert und man merkt, dass einem der Glaube an den letzten Anker abhandengekommen ist, weil im Kirchensteuerparadies niemand mehr davon gesprochen hat.

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