Der Französisch-Unterricht ist überflüssig
Man muss sich das auch leisten können: Ein Kleinstaat, neun Millionen Einwohner, rund 41.000 Quadratkilometer – und gleich vier Landessprachen. Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch werden hier gesprochen. Was zum einen Mehrkosten bei behördlichen Dokumenten bedeutet, zum anderen und vor allem aber auch, dass sich die Kommunikation innerhalb der eigenen Landesgrenzen nicht ganz einfach gestaltet.
In der Theorie dürfte das zwar kein Problem sein, zumindest nicht zwischen den größten Sprachgrenzen, dem deutsch- und dem französischsprachigen Teil. In der Deutschschweiz, wo rund zwei Drittel der Einwohner leben, wurde vor rund 50 Jahren nach und nach das sogenannte „Frühfranzösisch“ an den Schulen eingeführt. Schrittweise deshalb, weil Bildungsfragen nicht landesweit verordnet werden können, sondern in der Hoheit der Kantone liegen.
Deutschschweizer Kinder lernen heute praktisch ausnahmslos bereits in der sogenannten Primarschule, der Volksschule für die etwa 6- bis 12-Jährigen, Französisch. Oder sagen wir besser: Man versucht, es ihnen beizubringen. Wie bescheiden die Resultate sind, zeigen periodische Untersuchungen des Erfolgs.
Fast niemand spricht es wirklich
Drücken wir es mal vorsichtig so aus: Nach der offiziellen Schulzeit sollte man die wenigsten der Deutschschweizer Jugendlichen mit einem Fallschirm über Paris abwerfen. Die Gefahr wäre groß, dass sie dort nicht erklären könnten, wer sie sind, was sie wollen und wohin man sie bitte zurückbringen soll. Weil sie zwar jahrelang Französisch gepaukt haben, die Sprache aber nicht sprechen. Nicht einmal ansatzweise. Ich bin das beste Beispiel.
Das Frühfranzösisch scheitert an seinen hohen Ansprüchen. Statt Kinder praxisnah vertraut zu machen mit der Sprache, werden sie schonungslos mit den zahllosen Ausnahmen konfrontiert, welche die Grammatik aufweist. Man führt sie ein in tausend Spezialfälle, statt ihnen einfach zu sagen, wie sie beim Bäcker höflich ein Croissant bestellen können. Da vergeht den meisten schnell die Lust. Zumal sie vielleicht sogar spüren, dass sie in einer Woche bei Feldarbeit in der westlichen Schweiz mehr Französisch lernen würden als in jahrelangem Unterricht.
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Dazu kommt, dass man sich in der Schweiz längst still und leise über einen Kompromiss verständigt hat. Im Zweifelsfall spricht man eben Englisch miteinander. Das mag wenig elegant sein, wenn man selbst schon über vier Landessprachen verfügt, aber an Englisch kommt man, wenn man einigermaßen weltläufig ist, sowieso nicht vorbei. Warum also nicht darauf ausweichen?
Politik will eingreifen
Nun soll der Föderalismus ausgehebelt werden. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider von der Sozialdemokratischen Partei, Innenministerin und darum halbwegs für die Frage zuständig (einen Bildungsminister gibt es nicht), will den Zweifeln am Frühfranzösisch mit einem Gesetz begegnen: Die Vermittlung einer zweiten Landessprache in der Schule soll verpflichtend werden.
Den Kantonen soll es also kurzerhand verboten werden, das Frühfranzösisch auf eigene Faust abzuschaffen. Denn darüber denken einige von ihnen inzwischen offen nach. Baume-Schneider, selbst aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz stammend, bangt offenbar, ihre Kultur könnte allmählich verlorengehen im Rest der Schweiz.
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Es ist ein Versuch am echten Leben vorbei. Im Lauf eines halben Jahrhunderts ist es nicht gelungen, den Kindern in der Deutschschweiz eine Notwendigkeit der französischen Sprache zu vermitteln – und noch weniger die Sprache an sich. Wertvolle Unterrichtszeit geht flöten für eine politische Mission, deren Resultat mehr als mager ist. Da laut aktuellen Untersuchungen ein großer Teil der Schüler sogar Mühe hat, die eigene Muttersprache korrekt zu verwenden, könnte man die gewonnene Zeit gut und gern dafür einsetzen.
Das Frühfranzösisch ist ein Klotz am Bein
Der Versuch, den Deutschschweizer Kindern Französisch beizubringen, war ehrenwert, aber er ist gescheitert. Man kann nun natürlich an den Lehrplänen feilen, neue Lehrmittel einführen, die Lehrkräfte auf neue Formen des Unterrichts drillen. Das würde Jahre dauern, und das mit ungewissem Effekt. Währenddessen muss man zuschauen, wie junge Deutschschweizer am Ende ihrer Schulzeit nicht mal in der Lage sind, in ihrer eigenen Sprache ein fehlerfreies Bewerbungsschreiben für eine Ausbildungsstelle zu verfassen.
Es gibt viel aufzuholen in der Schweizer Bildungslandschaft, und das müsste schnell geschehen, damit die Fachkräfte von morgen international mithalten können. Die möglichst frühe Vermittlung einer zweiten Landessprache, und das zudem offensichtlich auf eher hilflose Art, ist auf diesem Weg nur ein Klotz am Bein.
Natürlich ist die Vorstellung romantisch, wie wir uns im munteren Wechselspiel mit jedem in seiner Sprache unterhalten können. Nur will keiner richtig, und würde er wollen, könnte er meistens nicht. Manchmal sollte man der Realität offen in die Augen blicken und sagen: Es war gut gemeint, hat aber nicht funktioniert – Übungsabbruch. Wer wirklich will, der soll weiter dürfen.
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Kommentare
Diese Debatte ist inzwischen fast so alt wie der Autor selbst. Und jedes Mal frage ich mich aufs Neue, ob es eigentlich etwas Unpatriotischeres gibt, als ausgerechnet das sprachliche Spezifikum der Schweiz zur lästigen pädagogischen Zumutung herabzustufen. Vier Landessprachen sind nicht eine Verwaltungsstörung, sondern ein zivilisatorischer Rang. Wer sie nur unter dem Gesichtspunkt schulischer Mühsal betrachtet, hat vom politischen Wesen dieses Landes erstaunlich wenig verstanden.
Natürlich kann man über Didaktik, Lehrpläne und Frühfranzösisch streiten. Man darf sogar sagen, dass vieles daran schlecht gemacht wurde. Aber aus schlechtem Unterricht die Überflüssigkeit der Sprache abzuleiten, ist kein Argument, sondern eine Kapitulation, die sich als Realismus tarnt. Es ist die politische Ontologisierung der eigenen Unfähigkeit: Weil man selbst an einer kulturellen Aufgabe gescheitert ist, soll die Aufgabe selbst plötzlich falsch gewesen sein.
Gerade darin zeigt sich eine merkwürdige Verwechslung von Patriotismus und provinzieller Selbstverengung. Patriotismus hieße in der Schweiz doch gerade, das Vielsprachige nicht als Folklore im Bundeshaus, sondern als Zumutung an die eigene Bildung ernst zu nehmen. Wer stattdessen empfiehlt, dass sich Deutschschweizer und Romands künftig in jenem armseligen Funktionsenglisch verständigen, das überall gleich klingt und nirgends beheimatet ist, verteidigt nicht die Schweiz. Er empfiehlt ihre kulturelle Neutralisierung.
Man muss dem Kommentar deshalb beinahe dankbar sein. Er verrät Wesentliches über den geistigen Zustand jener helvetischen Rechten, die sich gern als bürgerlich ausgibt, aber im entscheidenden Moment nicht Bildung, Form, Mehrsprachigkeit und kulturelle Selbstüberwindung verteidigt, sondern Bequemlichkeit, Ressentiment und geistige Nahbereichsverwaltung. Das ist nicht konservativ. Das ist nicht einmal bürgerlich. Es ist provinziell-archaisch – und gerade deshalb so fatal: Es hält die eigene Enge für Wirklichkeitssinn.
Es ist ein Armutszeugnis, wenn sich Schweizer auf Englisch unterhalten sollen, anstatt die anderen Landessprachen zu lernen. Dieser Vorschlag kann eigentlich nur von einem Globalisten stammen! Die vielfältige europäische Kultur zu leben, mag manchmal ein wenig anstrengend sein, aber die Alternative ist gruselig: "Bad simple English" für alle in der "weltoffenen" Schweiz! Nein danke, Herr Millius!