Kampf um Gott in Texas
Der Glaube spielt in deutschen Wahlkämpfen keine bedeutende Rolle. Die einzige Aufmerksamkeit erfährt die Religiosität von Politikern im weitgehenden Sinne bei der Vereidigung von Regierungschefs und der Minister. Als die Ampel-Koalition im Dezember 2021 ihren Dienst antrat, legten acht der 17 Regierungsmitglieder ihren Amtseid ohne die Gottesformel ab. Für die meisten Medien war diese Begebenheit eine Meldung wert. Bei der amtierenden schwarz-roten Bundesregierung gaben nur vier Minister, alles Sozialdemokraten, ihren Eid ohne den Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ ab.
In den USA wird es hingegen vom Großteil der Bevölkerung schon nahezu erwartet, dass Politiker selbst einfachste Reden mit einem Gottessegen beenden. Zur politischen Kultur Deutschlands gehört dies nicht – vom Freistaat Bayern und seinen christlich-sozialen Politikern einmal abgesehen.
Infolgedessen ist es nicht verwunderlich, wenn in der „One Nation under God“ die Religiosität seiner Politiker regelmäßig thematisiert wird. Ein prominentes Beispiel war Joe Biden, der trotz seines katholischen Glaubens für eine abtreibungsfreundliche Politik eintrat – und ihm deshalb im Jahr 2019 in der St. Anthony Catholic Church in Florence im Bundesstaat South Carolina die heilige Kommunion verweigert wurde.
Der Demokrat Talarico versucht, Kulturkämpfe abzuschwächen
Der politische Kampf um die Abtreibungsgesetzgebung hat sich seit dem Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs 2022, bei dem die liberale Gesetzgebung Roe vs. Wade aufgehoben und die Rechtsprechung an die einzelnen Bundesstaaten zurückgegeben wurde, von der Bundes- auf die Landespolitik verlagert. Für James Talarico, der bei den Zwischenwahlen am 3. November erstmals seit 1988 für die Demokratische Partei die Senatswahl in Texas gewinnen will, war dies ebenso wie gleichgeschlechtliche Eheschließungen ein von der politischen Rechten inszeniertes Thema, das „nicht einmal in der Bibel Erwähnung finde“.
Für den 37-jährigen Talarico sollten Schwangerschaftsabbrüche nicht Teil eines Kulturkampfes zwischen liberalem und konservativem Amerika sein. Vielmehr setzt sich der Demokrat für ein besseres Krankenversicherungs- und Gesundheitssystem und eine verstärkte, altersgemäße Sexualerziehung ein, um ungeplante Schwangerschaften und damit auch mögliche Abtreibungen zu reduzieren. Ein Ziel, das Talarico laut eigener Aussage ausdrücklich mit der Lebensschutzbewegung teile.
Zum Schutz des Lebens gehört für ihn auch der Umstand, dass das Leben der schwangeren Frau nicht gefährdet werden dürfe. Talarico spielt damit auf die restriktive Abtreibungsgesetzgebung in Texas an, die nur in Ausnahmefällen Schwangerschaftsabbrüche vorsieht.
Der Demokrat inszeniert sich als mitfühlender Christ
Talarico ist kein Abtreibungs-Apologet wie viele seiner Parteikollegen. Vielmehr versucht er, wie er unermüdlich betont, nach den Geboten der Gottesliebe und der Nächstenliebe zu handeln. Werte, die ihm von seinem Großvater, einem ehemaligen Baptisten-Prediger, mitgegeben worden seien. Talarico hat neben seiner Tätigkeit als Abgeordneter des texanischen Parlaments am Austin Presbyterian Theological Seminary ein Master-of-Divinity-Studium aufgenommen, um später einmal seinem Großvater als Prediger nachzufolgen.
Für Talarico werden Christen danach geurteilt, „ob sie die Hungrigen ernähren, die Kranken heilen und Fremde willkommen heißen“, wie er in der Late-Night-Show von Stephen Colbert verlautbaren ließ. Als Lehrer an einer Middle School in einem der ärmsten Gebiete von San Antonio versuchte Talarico dem Gebot der Nächstenliebe bereits ebenso gerecht zu werden wie als texanischer Parlamentarier. Seit dem Jahr 2018 hat er 60 überparteiliche Gesetze im Staatsparlament von Texas mit auf den Weg gebracht, zu denen beispielsweise die Deckelung der monatlichen Zuzahlungen für Insulin gehört. Talarico selbst wurde mit Typ-1-Diabetes diagnostiziert.
Talarico sorgt auch für Kontroversen
Der republikanische Präsident George W. Bush, der auch aus Texas stammt, prägte einst den Begriff des „mitfühlenden Konservatismus“. In Anlehnung daran könnte Talarico als „mitfühlender Christ“ beschrieben werden: „Du kannst Gott nicht lieben und andere Leute hassen; du kannst Gott nicht lieben und Einwanderer schlecht behandeln; du kannst Gott nicht lieben und die Armen unterdrücken“, gab der Demokrat in der Sendung von Jimmy Kimmel preis.
Unter dem Gebot der Nächstenliebe lehnt Talarico eine gesetzliche Vorschrift zur Anbringung der Zehn Gebote in allen Klassenzimmern öffentlicher texanischer Schulen, wie vom Gesetzgeber beschlossen, ab. Schließlich, so Talarico, könnte „der Nächste auch einer anderen Religion angehören“. Die Rechtmäßigkeit des Gesetzes wird gegenwärtig von den Gerichten geprüft.
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Ein weiteres Argument für die strikte Trennung zwischen Kirche und Staat ist für Talarico die These, dass es sich die Kirche „nicht zu gemütlich“ machen sollte, da diese ansonsten „ihre prophetische Stimme“ verlieren würde. Erinnerungen an die durch staatliche Privilegien begünstigten katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland werden wach.
Mit seiner Ablehnung der Anbringung der Zehn Gebote in texanischen Klassenzimmern sorgte Talarico ebenso schon für landesweite Kontroversen wie mit einer Diskussion um die Geschlechtsidentität Gottes. Der Demokrat provozierte nämlich mit der Aussage, dass es kein definiertes Geschlecht für Gott gebe, da dieser nicht in menschlichen Kategorien gedacht werden könne. Talarico bezog sich dabei auf Aussagen des ermordeten rechten Aktivisten Charlie Kirk und auf Papst Benedikt XVI., den er ebenso als „spirituellen Helden“ ansieht wie dessen Nachfolger Franziskus und Leo XIV.
Trumps Attacke und „Talafricos“ Konter
Die politische Konkurrenz versucht dies alles freilich für ihre eigenen Anliegen auszunutzen. Präsident Donald Trump bezeichnete den demokratischen Kandidaten für den US-Senat als „Talafrico“ – ein Wortspiel, um Talarico als „Freak“ zu denunzieren. Dieser ließ daraufhin Werbematerial mit „Talafrico“ anfertigen. Es ist auch diese Kreativität, die dazu beigetragen hat, dass Talarico allein im dritten Quartal dieses Jahres 64 Millionen Dollar an Spenden für seinen Wahlkampf generieren konnte – so viel wie noch kein Kandidat für den US-Senat vor ihm.
Insgesamt wurden bereits von beiden Parteien mehr als 500 Millionen Dolar in den Senatswahlkampf in Texas gesteckt. Zum Vergleich: Die im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien geben pro Bundestagswahlkampf gemeinsam gerade einmal 100 Millionen Euro aus.
Ein Werbespot des republikanischen Kandidaten Ken Paxton ging derweil viral, da dieser komplett mit künstlicher Intelligenz erstellt wurde. In dem Werbefilm werden die christlichen Ansichten Talaricos unvorteilhaft wiedergegeben.
Wie Paxton und Talarico ihren Wahlkampf führen, ist sinnbildlich für die exorbitanten Unterschiede beider Persönlichkeiten und auch christlicher Auslegungen. Während sich der Demokrat als junger, religiöser Einiger gibt, steht Paxton für den aufstrebenden christlichen Nationalismus in den USA, den Talarico als „eine Anbetung von Macht im Namen Christi“ kritisiert.
Affäre und Wirtschaftsvergehen: Paxton in der eigenen Partei hochumstritten
Andererseits trifft der junge, Nächstenliebe predigende Talarico auf den politisch erfahrenen 64-jährigen amtierenden texanischen Attorney General, einer Mischung aus Justizminister und Generalstaatsanwalt. Der Republikaner Paxton ist im Gegensatz zu seinem demokratischen Herausforderer innerhalb seiner eigenen Partei hoch umstritten.
Die innerparteilichen Vorwahlen gewann er gegen den Amtsinhaber John Cornyn nur durch eine Intervention von Präsident Trump. Im laufenden Wahlkampf bekommt Paxton nur die nötigste Unterstützung aus dem Lager des scheidenden Senators Cornyn. Begründet liegt dies in der skandalumwobenen Vita Paxtons.
Im Jahr 2015 wurde Paxton wegen eines Wirtschaftsvergehens angeklagt. Explizit wurde ihm vorgeworfen, dass er für den Kauf von Aktien eines Technologieunternehmens geworben habe, ohne seine eigenen finanziellen Interessen offenzulegen. Fast eine Dekade später wurde die Anklage fallengelassen, da sich Paxton zu einer Zahlung von 300.000 Dollar Schadensersatz, zu hundert Stunden gemeinnütziger Arbeit und fünfzehn Stunden Rechtsfortbildung verpflichtet hatte.
2023 leitete das texanische Repräsentantenhaus ein Amtsenthebungsverfahren wegen Korruptions- und Amtsmissbrauchsvorwürfen gegen Paxton ein. Vorausgegangen war eine außereheliche Affäre Paxtons. Noch im Jahr 2018 bekundete er öffentlich, diese beendet zu haben. In Wahrheit setzte Paxton seine Affäre unauffälliger und skrupelloser fort.
Der Immobilienunternehmer Nate Paul wurde von Paxton angehalten, seiner Geliebten eine Arbeitsstelle zu beschaffen, damit diese ihre Affäre in der texanischen Hauptstadt Austin fortführen konnte. Im Gegenzug half Paxton als Attorney General Paul bei seinen finanziellen und rechtlichen Problemen. 2020 kam die Wahrheit aufgrund einer Anzeige hochrangiger Mitarbeiter aus Paxtons Behörde beim FBI ans Licht.
Trotz erdrückender Beweislast entschied sich der texanische Senat gegen eine Amtsenthebung Paxtons. Republikaner waren in dieser Frage stark gespalten: Während Wirtschaftskonservative für die Amtsenthebung plädierten, stellten sich christliche Nationalisten hinter Paxton. Dies dürfte nicht zuletzt am starken Engagement für den Lebensschutz in seiner bisherigen Amtszeit als Attorney General gelegen haben. Seine Ehe konnte Paxton allerdings nicht mehr retten: Nach 38 Jahren reichte Angela aus „biblischen Gründen“ die Scheidung ein.
Richtungswahl in Texas
Erstmals seit Jahrzehnten ist der Ausgang einer Senatswahl in Texas offen. Steigende Lebenshaltungskosten sowie die Unzufriedenheit mit Präsident Trump sind ebenso als Gründe anzuführen wie ein umstrittener republikanischer Senatskandidat und dessen vergleichsweise moderater, christlicher Herausforderer. Die Wahl in Texas ist mitentscheidend dafür, welche Partei in den nächsten beiden Jahren die Mehrheit im Senat innehaben wird.
Doch der Urnengang ist mehr als das: Es ist auch ein Fingerzeig, wessen Interpretation des Christentums Wahlen gewinnen kann. Liegt Präsident Trump richtig, wenn er davon spricht, dass „man kein Christ und gleichzeitig ein Demokrat sein kann“? Oder setzt sich Talarico mit seiner Auffassung durch, die wie folgt lautet: „Sage mir nicht, woran du glaubst, sondern zeige mir, wie du andere Menschen behandelst, und ich sage dir, woran du glaubst.“
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