Ich war einmal in Teheran
Ich bin einmal in Teheran gewesen, erzähle ich Judith. Es war in meiner Sturm-und-Drang-Zeit, die sich inzwischen gelegt hat. Ich erinnere mich an schöne Frauen, die einen losen Schleier trugen und mich einluden auf tausendundeine Nacht, zu der ich mich vielleicht doch nicht traute. Meine Frau schaut mich aufmerksam an, und ich weiß, dass ich an dieser Stelle erzähltechnisch abbiegen sollte.
Tausendundeine Nacht ist eine blutrünstige Geschichte, berichte ich Judith: Als König Schahriyar feststellen muss, dass seine Gattin nicht nur ihn, sondern auch andere Herren gewissenhaft pflegt, ist es mit seinem Vertrauen ungefähr so vorbei wie mit der Geduld eines Deutschen im Stau auf der A3. Er bringt sie um und beschließt: Heiraten künftig ja, aber bitte mit Ablaufdatum.
Eine so gute Geschichte, dass selbst Netflix nervös geworden wäre
Eine Nacht Liebe, am nächsten Morgen Trennung – diskussionsfrei, ohne Paartherapie, Rübe ab. Wer nicht vertraut, wird nicht enttäuscht. Wer niemanden länger als eine Nacht am Leben lässt, wird nicht betrogen. Es ist eine Art frühorientalisches Risikomanagement.
Dann tritt die schöne Scheherazade auf den Plan, erzähle ich. Sie meldet sich zur Eheschließung. In der Hochzeitsnacht teilt sie nicht nur das Bett mit dem König, sondern auch etwas, das viel gefährlicher ist, erkläre ich, hebe die Stimme und mache eine Kunstpause: Sie teilt die Fantasie einer Frau. Judiths Augen verengen sich zu Schießscharten-Schlitzen. Ich sehe ihr an, dass es jetzt augenblicklich für mich ein bisschen besser ist, die Kurve zu kriegen.
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Scheherazade erzählt dem König eine Geschichte, eine gute Geschichte, eine so gute, dass selbst Netflix nervös geworden wäre. Und genau an der spannendsten Stelle graut der Morgen und sie verstummt. Fortsetzung folgt. Der König verschiebt die Hinrichtung. Nur einen Tag. Nur um zu hören, wie es weitergeht.
Hoffnung auf eine neue Scheherazade auf der Weltbühne
Es beginnt der erste Serienmarathon des Orients. Ohne Werbepausen, aber mit pochendem Herzen. Am Ende gibt der König seinen Schwur auf, lässt seine Geschichtenerzählerin leben und entdeckt, dass wahre Liebe doch länger hält als eine Nacht.
„Nicht das Schwert durchbricht den Kreislauf der Gewalt, sondern eine kluge Frau“, schließe ich und merke, wie sich Judith entspannt. Noch mal gut gegangen, denke ich. Seither drücken wir beide den Menschen in Teheran unsere vier Daumen, dass endlich eine neue Scheherazade die Weltbühne betritt.
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