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Kolumne „Mild bis rauchig“

Vom Regen in die Taufe

Als es noch keine Regenrinnen gab, konnte man im Falle eines Unwetters böse Überraschungen erleben. Wer an einer Hauswand unter dem Dach Zuflucht vor dem Regen suchte, wurde unter Umständen mit dem Wasserschwall, der sich in der Traufe als Abschluss des Daches gesammelt hatte, übergossen. Der Regen wurde nicht über ein Rinnen- und Rohrsystem in den Kanal abgeleitet, sondern einfach vom Dach weg auf die Umgebung. So verschlimmerte man seine Situation. Man kam gerade zum vermeintlichen Ort der Sicherheit und wurde statt von gleichmäßigen Tropfen von einem ganzen Guss überschüttet. Aus diesem Grund hat sich das geflügelte Wort „vom Regen in die Traufe“ eingespielt, das für die Verschlimmerung einer Lage steht, die durch die falsche Wahl der Gegenmittel hervorgerufen wird.

Wenn es um Zufluchtssuche und um das derzeit in der Gesellschaft steigende Bedürfnis nach Sinn und Orientierung geht, ist es darum interessant zu beobachten, welches die Orte sind, die den Menschen, vor allem wenn sie noch jung sind, als Stätten der Geborgenheit, der Beantwortung ihrer Fragen und der perspektivischen Angebote erscheinen. Umfragen zufolge sind dies in der Reihenfolge ihrer Priorisierung: Partnerschaft und Familie, soziale Beziehungen, individuelle Selbstverwirklichung, Naturverbundenheit, sinnstiftende Tätigkeiten und gesellschaftliches Engagement. Religion kommt auch vor, rangiert aber relativ am Ende der Skala. Man stellt fest: Das von der Wirtschaft unter dem Versprechen eines Wohlstandsglücks allgegenwärtig aufoktroyierte Konsumieren von Wegwerfgütern macht nicht wirklich glücklich und stiftet auch keinen Sinn. Im Bewältigen des Lebenserhalts allein wird eben noch nicht die Frage beantwortet, wozu dieses Leben, das ich da ständig erhalten soll, gut ist und ob es nicht sinnvoller ist, es besser nicht langwierig und oft qualvoll zu erhalten, sondern es vielmehr möglichst elegant und schmerzfrei vorzeitig zu beenden.

Die Religion gewinnt an Bedeutung

Nun zeichnet sich allerdings in letzter Zeit ab, dass der Bereich „Religion“ vom Ende der Skala langsam aber stetig nach vorne wandert. In kleinen, erst nur seismografisch spürbaren Schritten, hier und da aber auch schon in statistisch nennenswerten Bewegungen bildet sich ein neues Interesse an Religion – oder sagen wir es präziser – an Gott ab. Spitzenreiter ist hier Frankreich, wo sich in diesem Jahr 21.380 Erwachsene taufen ließen, darunter auffällig viele zwischen 18 und 25 Jahren. In anderen Ländern wie Belgien und den Niederlanden verzeichnete man einen Anstieg der Taufbewerberzahlen um 30 bis 40 Prozent. Auch in Deutschland ist der Trend steigend, wenn auch nicht so bemerkenswert wie im europäischen Ausland. Wobei ich als Pfarrer im Basislager für Sinnsucher mittlerweile tatsächlich einen großen Teil meiner Zeit mit der Vorbereitung von Jugendlichen und Erwachsenen zubringe, die aus eigenem Antrieb den Wunsch haben, getauft zu werden, die Firmung nachzuholen oder in die katholische Kirche zu konvertieren. 

Ganz offensichtlich geschieht derzeit etwas Bemerkenswertes. Unabhängig von den Zahlen und von der Frage, ob es sich um einen Trend oder einen Hype handelt, zu dessen Wesen die mediale Vermarktung gehört und bei dem man nie so recht weiß, wo Ursache und Wirkung liegen, ist nicht zu übersehen, dass Menschen ohne sonderliche Beeinflussung von außen auf Gott stoßen. Das, was ich in Gesprächen mit Taufbewerbern höre, ist keineswegs die Bekundung einer Suche nach Anschluss an eine Gruppe oder des Bedürfnisses nach schlichten, grobschnittigen Antworten als Kompensation der Hilflosigkeit in einer komplizierten und unübersichtlichen Welt. Das, was mir vorgetragen wird, sind stets Berichte, wie Menschen auf Gott gestoßen sind. Es sind keine politischen, gesellschaftskritischen oder identitären Bedürfnisse, die sich da artikulieren, sondern die Erfahrung: „Es gibt einen Gott, und ich bin es nicht!“ 

Inmitten einer Welt, die Ihn schon auf so vielfältige Weise abschaffen und für tot erklären wollte und die Ihn augenblicklich durch Relativierung und Instrumentalisierung zumindest im Zaum halten will, bricht das Licht durch die Finsternis und ergreift Menschen, die im Dunkel sitzen. Eine erfreuliche, weil inmitten des Säkularismus unserer Tage hoffnungsfrohe Botschaft, die beweist, dass die Wahrheit – wie der Apostel Paulus sagt – einen Wohlgeruch hat (vergleiche 2. Korinther 2, 15), der sich durch keine Ideologie der Welt verjagen oder ersetzen lässt. Er setzt sich durch, selbst dort, wo diejenigen, die eigentlich im Dienst der göttlichen Wahrheit stehen, derzeit versuchen, sie gegen neue, selbstgemachte Wahrheiten auszutauschen. 

Die klassische Liturgie zieht viele Täuflinge an

Wer Gott sucht und ihn in der Kirche und der von ihr verkündeten Offenbarung findet, verlangt nach dem, was dieser Gott über sich zu sagen hat und nach den Quellen, die Er fließen lässt, um dies zu erfahren. Das gilt erst recht für den, der auf Gott stößt, ohne Ihn wissentlich gesucht zu haben. Die Gottsucher sind deswegen in keiner Weise auf die innerkirchlichen Diskussionen über Strukturen und Leitungskompetenzen fixiert und kümmern sich auch nicht um die Verrenkungen, mit denen die akademische Theologie versucht, den Glauben als Dekor für die Gesellschaft irgendwie passend zu machen. 

Sie wollen keine geschmeidige Einfügung der Religion in die säkulare Welt, damit sie als ein Teil dieser Welt anerkannt und von ihr einverleibt wird. Sie wollen eher eine Religion, die ihnen hilft, die Welt, in der sie leben, zu ertragen und in ihrer Vordergründigkeit abzulösen durch die Welt, die auch über den Tod hinaus hält. Ein interessanter Beleg dafür ist, dass als Motivation für die katholische Taufe immer wieder die Entdeckung der klassischen Liturgie genannt wird. 

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Gerade die nicht angepasste, nicht dem Zeitgeschmack unterworfene und nicht subjektiv geprägte Glaubensfeier, sondern das, was als überkommene und unveränderliche Wahrheit in angemessene sakrale und damit zeitüberhobene liturgische Formen gegossen ist, zieht Menschen an, deren Bedürfnis es ist, eine Zuflucht vor den Unwettern der Zeitläufte zu finden. Martin Mosebach hat diesen Befund kürzlich in der Welt am Sonntag aufgegriffen und ihn in den Kontext der verzweifelt-armseligen Versuche eingeordnet, mit denen die Kirche sich gegenwartstauglich zu machen glaubt. Dabei stellt er fest, dass gerade diese Versuche geeignet sind, eine wahrhaftige und ihren Namen verdienende Gegenwartstauglichkeit der Kirche zu zerstören. 

Die Amtskirche verliert sich im Reformeifer

Denn die Kirche und ihre Wahrheit leben nicht aus, sondern für die gegenwärtigen Verhältnisse, um diese mit dem Glauben zu durchdringen, statt sie in ihrer Endlichkeit zu bestätigen. Dies spiegelt sich in der Gefühls- und Bedürfnislage der Taufbewerber wider, die jenseits der Inkulturations- und Anschlussfähigkeitsbemühungen des kirchlichen Establishments auf den Gott und Seine Kirche aller Zeiten und Orte stoßen. Die jahrzehntelangen gebetsmühlenartigen Absichts- und Reformbeteuerungen produzieren eher lautes Gähnen in der Öffentlichkeit. 

Martin Mosebach bringt das auf den Punkt, wenn er schreibt: 

„Viele Theologieprofessoren beschäftigen sich vor allem mit der Dekonstruktion des Glaubens, ohne noch größeres intellektuelles Interesse zu wecken. Dass sich dieser Kirche plötzlich junge Leute anschließen wollen, ohne dass das familiär oder kulturell vorbereitet wäre, ist mir fast unbegreiflich. Die Nichtnagetiere betreten das sinkende Schiff. (…) Der gegenwärtige Amtskatholizismus kann sich selbst nicht mehr bewegen und versteht dieses Phänomen überhaupt nicht. Er steht da mit ringenden Händen: Haben wir nicht überzeugend bewiesen, dass die Kirche ein versteinerter Dinosaurier der Unbarmherzigkeit sei, der vollständig umgeformt werden muss, und nun wollen Leute katholisch werden, obwohl wir doch das Frauenpriestertum immer noch nicht eingeführt haben. Die deutsche Hierarchie ist damit völlig überfordert.“ 

Diese Überforderung kommt auch beim medialen Wasserstandsanzeiger der Deutschen Kirche „katholisch.de“ zum Ausdruck, wenn es um die „Einordnung“ – das ist der neue Tarnname für „Zerredung“ – des Taufbooms in Frankreich geht. Seit ungefähr einem Jahr ist man offensichtlich not amused über die positiven Signale aus Gallien – so hat man wenigstens den Eindruck. Die Autoren sind höchst verstört darüber, dass Menschen unserer Tage, die im Vollbesitz ihrer Sinne sind, tatsächlich frei von jeder Verheutigungssucht die Wahrheit Jesu Christi annehmen und sie in der Kirche leben wollen. Und zwar ganz ausdrücklich mit allem, was die Kaste der Hermeneutiker „übersetzt“, angepasst und am liebsten abgeschafft sehen würde. 

Den Reformisten missfällt der Taufboom

Es zeigt sich in der Zugangsweise der Taufbewerber, dass sie selbst nicht die Initiatoren ihrer Bekehrung sind, sondern dass der Ruf Gottes ursächlich ist für das, was sie bewegt. Er hat sich in ihnen bemerkbar gemacht und sie um Antwort gebeten. Und sie antworten deswegen auf die Klopfzeichen des Lieben Gottes mit der Suche nach einer authentischen und vollständigen Verkündigung und nicht mit der Frage, was in ihr alles nicht mehr gilt. Dies ist ein Umstand, der den deutschen kirchensteuerlich gepushten Reformprofis nicht gefällt. 

In vielen Beiträgen des Internet-Portals werden nicht nur die beachtlich steigenden Zahlen an Taufbewerbern relativiert, sondern auch die Motivation der Bewerber infrage gestellt. Da sind es dann nur nachgeholte ausgefallene Kindertaufen oder das Interesse am Christentum entspringt gar, wie jüngst vermutet, einer identitären Suche nach den christlichen Wurzeln Frankreichs, ist also das Ergebnis einer nationalistischen Selbstvergewisserung. Oder man bemüht das Diktum „Not lehrt Beten“, um das Bedürfnis nach Gott in Zeiten des globalen Irrsinns zu marginalisieren und sein Ende zu prophezeien, sobald die Straße von Hormus wieder geöffnet ist. Es sei Vorsicht geboten, die französischen Verhältnisse als Hoffnungszeichen zu werten, heißt es, und für deutsche Verhältnisse von ihnen lernen zu wollen. 

Diese geradezu angstgetriebene Distanzierung von dem, was international an aufkeimenden Graswurzelbewegungen wahrzunehmen ist, fließt schlussendlich in die mahnende Drohung an die deutschen Bischöfe, sich in Frankreich nicht von der Hoffnung auf eine neue Religiosität betören zu lassen und am Ende womöglich die Reformen zu vergessen, mit denen man in den vergangenen Jahren die Mission als Kerngeschäft der Kirche gegen ihren Generalumbau ausgetauscht hat. Der Anstieg der Katechumenenzahlen vernebelt nämlich in den Augen der Hofberichterstattung die Meriten der teutonischen Neoreformation, so dass womöglich über den Aufwind eines wachsenden neuen Interesses unvoreingenommener Aspiranten auf die Taufe der ideologielastige Umbau der Kirche an Rückenwind verlieren könnte. 

Denn in den neuen Zugängen zum Glauben wird die Tradition nicht als Belastung, sondern als Quelle entdeckt, aus der man all das schöpfen kann, was die Gegenwart und die an sie assimilierte Kirche nicht zu bieten haben. Diese und andere Ängste wurden den deutschen Bischöfen mit auf den Weg gegeben, als sie sich in der vergangenen Woche nach Frankreich aufgemacht haben, um dort das Phänomen des neuen Zulaufs zur Kirche zu untersuchen. Am vergangenen Freitag zurückgekehrt, wurden nun die schlimmsten Befürchtungen der Bedenkenträger und Evangelisationsbremser aus dem Lager teutonischer Reformisten wahr. Die Bischöfe hatten nämlich unübersehbar erfahren können, dass es um Bekehrungen und nicht um identitäre Selbstvergewisserung geht, wenn Menschen nach der Taufe fragen – wenngleich auch der Begriff „Bekehrung“ vermieden wird und man stattdessen das Ganze lieber etwas weniger begrifflich profiliert als „pastorales Phänomen“ eingeordnet hat. Dennoch: Man war beeindruckt. 

Die Deutsche Kirche muss von Frankreich lernen

Wie schön wäre es, wenn es hier nicht bei Worten bliebe. Wenn es tatsächlich einen Lernprozess gäbe, der in der Deutschen Kirche erneut auf den Schirm bringen würde, worum es in allen Zeiten gehen muss: Dass die Kirche Jesu Christi eine Zuflucht ist. Eine Zuflucht, die einen nicht wie den vor dem Unwetter Schutzsuchenden statt mit Geborgenheit und Sicherheit mit kalten Güssen aus der Traufe überzieht und einen am Ende noch nasser da stehen lässt, als man es vorher schon war. So erleben es viele, die in der Kirche eine Antwort auf ihre Seelenfragen erwarten und stattdessen erleben müssen, dass nicht der Gott, den sie suchen, im Mittelpunkt steht, sondern sie selbst als armseliger und ratloser Mensch mitsamt dem endlichen Planeten, auf dem sie für eine gewisse Zeit zu Gast sind. 

Die Zufluchtsucher, die heute den Regenschauern trans- und inhumaner gesellschaftlicher Strömungen entkommen wollen, möchten einen Ort der wahren Menschlichkeit und Wahrheit finden und nicht mit einem Schwall hoffnungsfreier Ideologien überschüttet werden. Gott hat das aber offenbar wahrgenommen und schenkt allen, die in dieser Zeit im Regen stehen, in ihrer Zufluchtssuche ein Ziel. Er führt alle, die Seine Wegweisung dorthin wahrnehmen – wie man sieht – zur Taufe, zu dem Sakrament, das einem Ewiges Leben schenkt. 

Es ist deswegen eine Tragödie, wenn das neue und verstärkte Verlangen nach dem heilenden Wasser der neuen Geburt im Heiligen Geist bis in höchste Regionen des kirchlichen Establishments unseres Landes hinein geradezu mit einem Ressentiment belegt wird. Aber der Grund ist unübersehbar: Es ist die Angst, dass die in der Kirche hoffähig gewordenen gruppendynamisch-inhaltsentleerten Selbsterlösungsangebote durch ein neues, traditionell sakramentales Bewusstsein abgelöst werden könnten und damit das Ende des Anthropozentrismus in der Kirche eingeläutet wäre. Vielleicht lernen die Germanen ja von den Galliern im großen katholischen Imperium Romanum doch noch, was es bedeutet, wenn Gott die Sache in die Hand nimmt und aus den Stuhlkreisen und von den Konferenztischen weg zur Umkehr und in die Nachfolge ruft.

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