Europa, es kommt noch dicke
Sehen wir uns einen Gedanken von Charles de Montesquieu an, einem der einflussreichsten Denker des 18. Jahrhunderts. Die Zitate aus dem Jahre 1760 stammen aus seinen „Persianischen Briefen“.
„Vielleicht hast du eine Sache nicht in so genaue Betrachtung gezogen, die mich fast täglich in Verwunderung gesetzt hat: Wie es doch kommen müsse, daß die Welt anjetzo nicht so bevölkert sey, als sie vormals gewesen ist? Wie die Natur diese wunderbare Fruchtbarkeit der vorigen Zeiten verloren habe? Solte sie denn schon in ihr unvermögendes Alter und Schwachheit gefallen seyn?“
„Nach dieser in dergleichen Dingen aufs allergenaueste gemachten Ausrechnungen habe ich gefunden, daß aufs höchste der funfzigste Theil Menschen anjetzo, gegen die Anzahl derer, so zu Cäsars Zeiten gelebet, vorhanden sind. Das wunderwürdigste hierbey ist noch dieses, daß auch diese Zahl immer geringer wird; und wenn es also fortwähren solte, die Erde in zehen Jahrhunderten sich gar in eine Wüste verwandeln dürfte.“
Auch seine Zeitgenossen Quesnay und Vauban gehen von einer fortschreitenden Entvölkerung ihres Landes aus. Die Entvölkerungsfrage, also der Bevölkerungsrückgang, wurde zu einem wichtigen Gegenstand nicht nur der ökonomischen Literatur in Europa.
Verbreitete Annahme starken Bevölkerungsrückgangs
Eine Hochburg dieser Auffassungen war Frankreich, aber auch Deutschland hatte eine große Zahl von Anhängern dieser Idee. Der Universalgelehrte Hermann Conring (1606-1681) trat bei uns als erster mit derartigen Gedanken auf, indem er eine starke Volksabnahme in Rom seit dem Altertum annahm.
Dass dieser Rückgang der Bevölkerung nicht nur auf Frankreich beschränkt sei, meint Leibniz:
„..., dieweil Teutschland bey weitem so volckreich anjetzo nicht als es vor anfang des teutschen Krieges gewesen.“
Johann Heinrich Gottlob Justi geht noch einen Schritt weiter und stellt fest:
„Es ist sehr wahrscheinlich, daß Deutschland vor drey bis vier hundert Jahren, ohn geachtet des damaligen häufigen Mönchs Lebens, ungleich mehr bevölkert gewesen ist, als heutigen Tages.“
Allerdings waren nicht alle Wissenschaftler der damaligen Zeit in der einen oder anderen Form von den Ideen der Dekadenz in der Bevölkerungsentwicklung befangen.
„So wird man leicht sehen, wie betrüglich die Data sind“
Den Anfang macht David Hume (1711-1776), der vom wirtschaftlichen Standpunkt aus die Haltlosigkeit der betreffenden Zahlenangaben nachzuweisen versuchte, was zu einer heftigen Kontroverse mit seinem Landsmann Alfred Russel Wallace (1823-1913) führte. In Italien war es vor allem Gaetano Filangieri (um 1752-1788), der sich entschieden auf die Seite Humes stellte und sehr drastisch formulierte:
„Wenn man bey Lesung ihrer Schriften ein bischen gute Kritik zu Hülfe nimmt, so wird man leicht sehen, wie betrüglich die Data sind, auf die sie ihre chimärischen Berechnungen stützen. Was Vossius und Wallace vorbringen, muß in jedem Leser von gesundem Menschenverstande Eckel erregen.“
Auch in Deutschland erhoben sich bei einigen Autoren Zweifel, die insbesondere die Aussagen zur rascheren Vermehrung der Menschen in den früheren Zeiten zum Ziel haben.
„Ist es möglich, daß sich das menschliche Geschlecht in einem so kurzen Zeitraume,... bis zu einem solchen Grade hat vermehren können? Ich weiß, daß man mehr als eine Berechnung hat, welche dieses begreiflich machen soll, allein sie sind insgesamt so ausschweifend, und so sehr wider alle Erfahrung, daß sie die Schwierigkeit nur vergrößern, anstatt sie zu beheben“,
klagt Johann Christoph Adelung im Jahre 1782.
Der realgeschichtliche Hintergrund
Diese einzelnen Stimmen vermochten aber nicht, die umfassende Verbreitung der Lehre von der Volksabnahme zu verhindern, zumal gerade die angesehensten und einflussreichsten Wissenschaftler dieser Zeit deren Vertreter waren: in England Graunt und Petty, in Frankreich Montesquieu und in Deutschland Johann Peter Süßmilch (1707-1767) und Johann Heinrich Gottlob Justi (1717-1771). Im Ergebnis entwickelten sich in vielen Ländern explizite populationistische Bevölkerungspolitiken mit zum Teil aberwitzigen Maßnahmen und relativ bescheidenen Ergebnissen.
Allerdings waren diese Befürchtungen nicht in Übereinstimmung mit der realen demografischen Entwicklung.
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Die Annahme, dass die Bevölkerung seit der Antike ständig abgenommen habe, hat zunächst einen realgeschichtlichen Hintergrund. Es sei nur an die gewaltigen Menschenverluste Deutschlands im Dreißigjährigen Krieg und die Entvölkerung weiter Teile der österreichischen Monarchie durch die Türkenkriege des 16. und 17. Jahrhunderts erinnert, die immerhin W. Freiherr v. Schröder 1704 zu der Forderung veranlassten, dass „bei diesen so pressanten Zeiten estraordinario modo mit neuen Inwohnern ... geholfen werde“. Auch in Frankreich und Spanien hatte die Bevölkerung in diesem Zeitraum tatsächlich abgenommen.
Aber als entscheidend für die Annahme einer schrumpfenden Bevölkerung ist die Tatsache einzuordnen, dass der unregelmäßige Gang der Bevölkerungsentwicklung in den früheren Zeiten, in denen immer wieder Perioden erhöhter Sterblichkeit auftraten, die Auffassung von einer Abnahme der Volkszahl unterstützt haben mag. Denn es ist offensichtlich, dass die verheerenden Folgen von Hungersnöten, Seuchen und Kriegen viel mehr ins Auge fallen mussten als etwa ein langsames Wachstum der Bevölkerung, das sich zudem aus Mangel an exakten Angaben über den aktuellen Bevölkerungsstand ja nur schwer feststellen ließ.
Im 19. Jahrhundert die Kehrtwende: aus der Furcht vor Entvölkerung wird Angst vor Übervölkerung
Ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts kam es zur Kehrtwende: Die Furcht vor Entvölkerung schlug angesichts der Situation in den sich entwickelnden industriellen, urbanen Zentren in eine Angst vor Übervölkerung um. Dafür steht Thomas Robert Malthus (1766-1834) mit seiner sich als sehr einflussreich erweisenden Theorie.
Allerdings sollte das für die entwickelten Länder nur ein Intermezzo sein, denn schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte sich der komplexe, demografisch-soziale Prozess der demografischen Transition bemerkbar, zuerst im Westen Europas, namentlich in England. Dank der sich in dieser Zeit herausgebildeten statistischen Erfassungssysteme (Personenstandserfassung, statistische Ämter) war man nun in der Lage, genaue Zahlen und Trends der Bevölkerungsentwicklung zu erkennen und stellte mit Erstaunen fest, dass sich unter der Oberfläche der immer noch wachsenden Bevölkerungen (Momentum) ein grundlegender Wandel der Geburtenentwicklung vollzog.
Damit wurde erneut eine demografisch induzierte Veränderung als Grundübel für gesellschaftliche Stagnation und Dekadenz ausgemacht.
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Diese Betrachtungsweise entwickelte sich nicht zufällig zuerst in Frankreich, wo der verlorene Krieg gegen Preußen 1871 die Ängste und Ressentiments bezüglich der künftigen demografischen und letztlich gesamtgesellschaftlichen Entwicklung noch befeuert hatte.
So befand Arsenè Dumont, einer der wichtigsten Protagonisten dieser Geistesströmung, im Jahre 1890, dass die individualistische, demokratische Zivilisation selbstzerstörerisch sei, da sie durch den Mechanismus der „capillaritè sociale“, das heißt den sozialen Aufstieg auf Kosten der Kinderzahl, ihre demografische Basis unterminiert. Dieses „principe toxique“ drücke den diametralen Gegensatz von Zivilisation und Bevölkerungswachstum aus; wir bezeichnen dies heute als das demografisch-ökonomische Paradoxon.
Bevölkerungspolitik galt im deutschsprachigen Raum lange als diskreditiert
Im deutschsprachigen Raum war der marxistische Philosoph Karl Kautsky der Erste, der diese Vorstellungen in die Debatte einführte. In seinem 1910 erschienenen Buch „Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft“ konstatiert er:
So „…ist gegenüber dem Malthusschen Bevölkerungsgesetz in der bürgerlichen Ökonomie eine neue Richtung entstanden, die ihm ein anderes Bevölkerungsgesetz entgegenstellt: die Übervölkerung ist eine Folge des Elends. Die kapitalistische Gesellschaft erzeugt eine stete Zunahme von Wohlstand und Kultur, und je höher Wohlstand und Kultur, desto geringer die Zahl der Geburten.“
Bis Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hatte sich in der Wissenschaft die Erkenntnis des durch den Geburtenrückgang ausgelösten Wandlungsprozesses etabliert und zu regen Diskussionen über seine Ursachen und Folgen geführt.
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Der Nationalsozialismus setzte dem ein Ende, indem er die Erkenntnisse im Sinne seiner völkisch-rassistischen Auffassungen und Ziele annahm und missbrauchte.
Das führte in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dazu, dass sowohl die Demografie als Wissenschaft als auch die Bevölkerungspolitik an sich im deutschsprachigen Raum lange Zeit als diskreditiert galten. Erst Anfang der 70er Jahre erlebten sie unter dem Druck der demografischen Entwicklungen wieder eine Renaissance.
Der demografische Wandel umfasst vier Bereiche
Etwa zehn Jahre später hatte sich in der einschlägigen Wissenschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass der demografische Wandel Europas als ein „Megatrend“ des 20./21. Jahrhunderts keine „normale“ Fluktuation im demografischen Geschehen ist, sondern sämtliche Lebensbereiche der Gesellschaften umfasst und diese in einem bisher noch nicht erlebten Maße verändern wird.
Verursacht durch den vor über einhundert Jahren in den ersten Ländern Europas begonnenen Geburtenrückgang, der über mehrere Etappen etwa ab den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einer permanent unter dem Reproduktionsniveau der Bevölkerung liegenden Fruchtbarkeit in mittlerweile fast allen Ländern geführt hat, wird dieser Prozess begleitet und zunehmend verstärkt durch die anhaltende Steigerung der Lebenserwartung in fast allen Ländern Europas.
Dieser Zugewinn an Lebenszeit setzt sich ungebrochen fort, allein im 20. Jahrhundert betrug er für Deutschland etwa 30 Jahre. Die gegenwärtigen Trends in der Verbesserung der Lebenserwartung der Hochaltrigen lassen auch zukünftig keinen Endpunkt dieser Entwicklung hin zur „Gesellschaft der Hundertjährigen“ erkennen.
Als komplexer Prozess umfasst der demografische Wandel vier Bereiche:
- die quantitative Veränderung der Bevölkerungszahl, das heißt insgesamt territorial differenzierte Schrumpfung der Bevölkerung vor allem in der Fläche mit eingelagerten urbanen Wachstumsinseln;
- die Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung und Verschiebung der Proportionen zwischen den Altersgruppen, das heißt vor allem Alterung der Bevölkerung, Erhöhung des Durchschnittsalters, Sinken des Jugendquotienten und Wachstum des Altenquotienten;
- die Veränderung der Sozialstruktur, vor allem der Familien- und Haushaltsstrukturen, das heißt auch zunehmende „Vereinzelung“, Zunahme der wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der älteren Bevölkerungsjahrgänge;
- die Veränderung der räumlichen Verteilung der Bevölkerung durch Migrationsbewegungen, das heißt insbesondere Abwanderung aus dem ländlichen Raum und Zuwanderung in Wachstumskerne.
Der schon vor längerer Zeit eingesetzte Prozess der Schrumpfung und Alterung löst damit eine lang dauernde Phase der Bevölkerungsexpansion Europas ab.
Die Bevölkerungszahl Europas wird massiv zurückgehen
Diese demografische Herausforderung ist somit einmalig in der europäischen Geschichte. Es gibt deshalb keine fertigen und erprobten Rezepte, wie die europäischen Gesellschaften angemessen auf diese Entwicklung reagieren sollten. Weltweit hat bisher nur Japan entsprechende Erfahrungen gemacht. Der irreversible Alterungsprozess der Bevölkerung und die zunehmenden räumlichen Disparitäten als Kern dieses Wandlungsprozesses werden zu gravierenden Veränderungen in der Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft führen.
So wird sich nach einer Prognose mit hoher Sicherheit die Einwohnerzahl Europas bis zum Jahre 2050 auf ca. 542 Millionen verringern, gegenüber 591 Millionen im Jahr 2007. Der in der öffentlichen Diskussion in regelmäßigen Abständen bejubelte temporäre und meist regionale leichte Anstieg von Fruchtbarkeitsziffern, vorausgesetzt er beruht nicht, wie zu vermuten ist, auf einem statistischen Phänomen (bei Analysen von Fruchtbarkeitsziffern mittels Periodenanalyse unterschätzt diese Methode bei einer Verschiebung des durchschnittlichen Gebäralters nach hinten das Fruchtbarkeitsniveau, was sich bei einem Stillstand oder einer Umkehrung dieser Entwicklung in einem Anstieg der Total-Fertility-Rate niederschlägt), wird in keiner Weise zu einer Stabilisierung oder gar einem Wachstum der Bevölkerung Europas aus eigener Kraft führen.
Dazu ist dieser „Anstieg“ viel zu gering, denn der heutige Durchschnittswert von unter 1,5 Kindern pro Frau müsste langfristig auf über 2 steigen, um eine einfache Reproduktion der Einwohnerzahlen auf lange Sicht bewirken zu können. Hinzu kommt, dass auf Grund der Trägheit der demografischen Prozesse (Momentum) selbst eine solche sehr unwahrscheinliche Erhöhung fast nichts an den Entwicklungen in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren ändern würde, nämlich, dass die Geburtenzahlen weiterhin niedrig bleiben werden und die Alterung der Bevölkerung sich fortsetzt.
Durch kulturferne Einwanderung grundlegende Umwandlung unserer Völker
Theoretisch wäre eine Stabilisierung zumindest der Einwohnerzahlen mittels Zuwanderung, so wie in den vergangenen Jahren in Europa erlebt, möglich.
Allerdings ist zunehmend in Frage gestellt, aus welchen Quellregionen die potenziellen Zuwanderer kommen könnten, da die traditionellen Gebiete, vor allem in Osteuropa mittlerweile selbst von extremen Schrumpfungsprozessen betroffen sind und auch in den neueren Quellgebieten der Zuwanderung nach Europa, Afrika und Asien, die Geburtenentwicklung unter das Reproduktionsniveau gefallen ist (weltweit 2025 erstmalig unter 2,1), was perspektivisch in diesen Ländern ebenfalls zunächst zur Stagnation und später zur Schrumpfung der Einwohnerzahlen führen wird.
Bei einer relevanten Zuwanderung aus außereuropäischen und größtenteils kulturfernen Regionen (Afrika) müssen Befürworter einer derartigen „Ersatzmigration“ dann ehrlicherweise auch sagen, dass mit diesem Szenario eine grundlegende Umwandlung unserer Gesellschaften verbunden sein würde. Das Pew Research Center kam 2017 in einer Projektion für das Jahr 2050 zu dem Ergebnis, dass im Szenario mit hoher Nettozuwanderung der Anteil der Muslime deutlich steigen wird. Konkret bedeutet das, dass 2050 rund jeder fünfte Mensch in Deutschland muslimischen Glaubens sein könnte, ebenso in Österreich, Frankreich und in Großbritannien. In Schweden wären es demnach sogar mehr als 30 Prozent.
Unter Adenauer wurden die kapitalgedeckten Sozialversicherungssysteme zerschlagen
Die Politik nahm sich dieses Themas mit großer Verspätung erst Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts an, in Deutschland zum Beispiel beginnend mit einer – folgenlosen – Bundestags-Enquetekommission 1992-2002.
Dabei waren die Konturen dieser Veränderungen ja längst bekannt:
„Die wachsende Überalterung des … Volkes steigt andauernd, … Heute stehen 67 Prozent der Bevölkerung im produktiven Alter, neun Prozent zählen zu den Alten, 24 Prozent stehen im jugendlichen Alter und sind noch nicht arbeitsfähig. Diese Zusammensetzung der Bevölkerung ändert sich stets zuungunsten des Prozentsatzes der im produktiven Alter Stehenden, weil die Langlebigkeit wächst und die Geburtenzahl abnimmt. Wenn diese Zusammensetzung sich nicht ändert, wenn nicht durch konstante Zunahme der Geburten der Prozentsatz der im produktiven Alter stehenden Personen wächst, werden zunächst die Alten von der geringeren Sozialproduktion, die dann notwendigerweise eintreten muss, betroffen werden. Durch Technisierung und Rationalisierung der Wirtschaft wird man den für unser ganzes Volk im Verlauf einiger Generationen vernichtenden Prozess nicht aufhalten können.“ (Konrad Adenauer, Regierungserklärung 1953)
Diesen Aussagen folgte allerdings im nächsten Wahlkampf eine gegenteilige Politik, die letztendlich zur Zerschlagung der kapitalgedeckten Sozialversicherungssysteme in Deutschland führte und damit die Demografieabhängigkeit deutlich vergrößerte.
Die durch permanente Zuwanderung bedingten gleichbleibenden oder sogar wachsenden Bevölkerungen sowie die oben geschilderten Erblasten aus der Zeit des Nationalsozialismus hatten in der Vergangenheit der Politik einen bequemen Vorwand geliefert, sich nicht mit den tiefergehenden Ursachen und Folgen des demografischen Wandels zu befassen. Heute erkennen abermals führende Politiker wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Problematik zaghaft an, dringen mit den sich daraus ergebenden Folgen und Forderungen aber nicht durch. So jüngst geschehen auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), als Merz Einsparungen und Sozialreformen mit „Demografie und Mathematik“ begründete und dafür von den DGB-Mitgliedern ausgelacht und ausgebuht wurde.
Ein Nebeneinander von Wachstums- und Schrumpfungsprozessen
Dabei war der demografisch induzierte Wandel der europäischen Gesellschaften schon in vollem Gange und wird sich weiterhin mit zunehmender Geschwindigkeit vollziehen und zu einer ähnlich weitgehenden Veränderung der gesellschaftlichen Systeme und Organisationsstrukturen unseres Lebens mit einer hohen Dynamik führen.
Da die demografischen Kernprozesse dieses Wandels (Geburtenniveau) im Wesentlichen kaum zu verändern beziehungsweise in ihrer Entwicklung gewünscht sind (Erhöhung der Lebenserwartung), ist eine differenzierte Vorgehensweise beim Umgang mit Alterung und Schrumpfung und ihren Auswirkungen in Form von dynamischen Anpassungsprozessen erforderlich und auch erfolgversprechend.
Die Hauptauswirkungen des demografischen Wandels – Schrumpfung und Alterung auf der einen Seite und zunehmende Konzentration und Internationalisierung (verbunden mit einer zunehmenden Bedeutung der Integrationsproblematik, vor allem in West-, Mittel- und Südeuropa) auf der anderen Seite – finden zudem räumlich differenziert statt, und sie verlaufen in den Ländern, Regionen, Städten und Gemeinden nicht proportional oder linear und nicht entlang politischer oder administrativer Grenzen. Wir erleben ein Nebeneinander von Wachstums- und Schrumpfungsprozessen.
Entvölkerte Peripherien, belastete Ballungszentren
In einer groben Überblicksbetrachtung existiert eine demografisch bedingte Zweiteilung in Bezug auf diese Entwicklung: Neben prosperierenden Ballungszentren, die eine zunehmende Anziehungskraft ausüben, erleben weite Teile Europas (diese Gebiete machen ca. 75 Prozent der Regionen aus), vor allem in den ländlichen Peripherien, den Wandel als Schrumpfung mit dem Entstehen sich zunehmend entleerender Räume bis hin zur Entvölkerung und einer raschen Zunahme des Anteils der älteren Bevölkerung mit aller Wucht.
Durch selektive Migrationsprozesse werden die Folgen des Wandels in diesen (Quell-) Gebieten noch verstärkt und in den Zielgebieten zumindest zeitweise gemildert. Derzeit profitieren vor allem Ballungsgebiete von Migrationsgewinnen zu Lasten der ländlichen Quellgebiete (demografischer Kannibalismus). Im Wettbewerb um personelle und finanzielle Ressourcen wird sich diese Polarisierung der Regionen in Europa insgesamt, aber vor allem auch in den einzelnen Ländern weiter verschärfen.
Während also einige Regionen auch in naher Zukunft kaum Auswirkungen des demografischen Wandels in Bezug auf Alterung und Schrumpfung verspüren werden, verläuft dieser Prozess in anderen Gebieten umso schneller und tiefgreifender.
Umfassende und intelligente Anpassungsstrategien erforderlich
Hieraus ergeben sich die vielfältigsten Problemkonstellationen.
Der Bevölkerungsrückgang führt zur Unterschreitung der Tragfähigkeit der allgemeinen Infrastruktur. Die Aufrechterhaltung funktionsfähiger regionaler Arbeits- und Versorgungsmärkte steht damit zur Disposition. Die starke Zunahme des Anteils alter Menschen, insbesondere im Umland der Städte und in den ländlichen Regionen, stellt hohe Anforderungen an die lokalen Infrastrukturen.
Die Wanderungsprozesse führen zu demografisch-sozialen Disproportionen in der Alters- und Geschlechtsstruktur. Der Anteil der Männer in einer alternden Bevölkerung in den peripheren Regionen nimmt überproportional zu. Hieraus folgen deformierte Sozialstrukturen, und deviante Verhaltensweisen und Lebensstile wie Alkoholsucht, extremistische Einstellungen und Gewalt nehmen zu. Diese Problemfelder wirken ihrerseits als Katalysator, die den demografischen Alterungsprozess beschleunigen.
Die Komplexität der demografischen Veränderungen erfordert daher vor allem umfassende und intelligente Anpassungsstrategien, die alle Handlungsfelder angemessen im Rahmen einer Querschnittspolitik berücksichtigen.
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Kommentare
Rechnen Sie mal die aktuellen Geburtenraten der Bioeuropäer und von Subsahara-Afrika auf das Jahr 2026 hoch, wenn diese so bleiben …
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie klug alles analysiert wird. Aber es ist ganz einfach: Keine Kinder = keine Zukunft. Und wir haben es alle so gewollt! Es war ja so nett!