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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Bitte keine Diskussionen

Irgendwann zwischen dem 7. bis 6. Jahrhundert vor Christus hatten die Griechen eine lustige Idee. Wenn man schon zusammenkommt, um gemeinsam zu trinken, könnte man auch gleich die Lage der Welt, der Nation oder wenigstens des eigenen Dorfs diskutieren. Der eine hat mehr Ahnung von diesem und jenem als der andere und umgekehrt, und am Ende sind alle ein bisschen wissender. 

Aus dem antiken griechischen Symposion, übersetzt etwa „gemeinsames Trinken“, hat sich eine Form entwickelt, die bis heute Bestand hat: das Symposium. Experten kommen zu einer Tagung zusammen, um ihren Wissensstand auszutauschen. Fachvorträge und Diskussionen sollen das Publikum weiterbringen, neue Ansätze werden vorgestellt und debattiert.

Tausende Jahre nach der Entstehung hat das Konzept einen schweren Stand. Denn es besteht immer die Gefahr, dass man als Gast etwas hört, das einem nicht gefällt. Während die alten Griechen das mit einer energischen Gegenrede lösten, nach der jeder selbst entscheiden konnte, wem er Glauben schenkt, haben Teile der Gesellschaft heute größte Mühe damit, dass anderslautende Positionen überhaupt Raum erhalten.

„Mini-WEF“ in St.Gallen

In der Schweiz genießt das „St. Gallen Symposium“ einen hervorragenden Ruf. Die Stadt ist Standort der Hochschule St. Gallen, die international als eine der führenden Wirtschaftsuniversitäten gilt. Jahr für Jahr kommen über tausend Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zusammen, um zu diskutieren. Der Anlass mit Gästen aus rund einhundert Ländern wird auch gern als „Mini-WEF“ bezeichnet. Wobei die Besonderheit hier darin liegt, dass es zum Austausch zwischen Entscheidungsträgern und Studenten kommt.

„Umstrittener“ Denker Curtis Yarvin

Mit dabei in diesem Jahr: der Amerikaner Curtis Yarvin. Der Software-Entwickler wurde als Blogger bekannt und wird als Vertreter der „Neoreaktionären Bewegung“ gehandelt. Die Medien sind überaus erfinderisch, was Bezeichnungen für den 52-Jährigen angeht. Zu den harmlosen gehören Begriffe wie antidemokratisch und antiegalitär, einige halten ihn für rassistisch bis zu faschistisch. 

Wenn Yarvin schreibt, freie Wahlen seien schlecht und die Welt müsste einem Unternehmen gleich am besten von Tech-Mogulen geführt werden, dreht sich vielen der Magen. Außerdem steht er dem US-Investor Peter Thiel und damit in weiterer Linie dem Vizepräsidenten JD Vance nahe, was ihn für die Medien „umstritten“ macht.

Die Debatte verhindern

Mehr als nur umstritten ist sein Auftritt in St. Gallen. Linke Politiker fordern, Curtis Yarvin wieder auszuladen, einige Studenten mucken auf. Einem „Demokratie-Abschaffer“ dürfe man keine Bühne geben, so der Tenor. Schweizer Medien nehmen den Widerstand dankbar auf und transportieren ihn. Angesichts seines Rufs sei es „umso erstaunlicher“, dass man dem US-Blogger in St. Gallen „den roten Teppich ausrollt“, schreiben die landesweit vertretenen Zeitungen des Verlags CH Media.

Es ist nicht bekannt, ob die Griechen beim „gemeinsamen Trinken“ ebenfalls schon unliebsame Redner ausschlossen. Anzunehmen ist es aber nicht. Vermutlich sahen sie gerade „umstrittene“ Ideen als besonders befruchtend. Denn manchmal gehen sie vielleicht zu weit, liefern aber einzelne inspirierende Denkanstöße. Man kann sie kontern und darauf zählen, dass sich das bessere Argument durchsetzt.

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Genau das ist auch die Idee des „St. Gallen Symposium“. Curtis Yarvin kommt nicht in die Schweiz, um eine unwidersprochene Brandrede zu halten. Er ist eingebettet in das übliche Schema. Zunächst trifft er in einem Streitgespräch auf Ivan Krăstev, einen Politologen aus Bulgarien, der sich gern mit der Krise liberaler Demokratien befasst, aber heftig für deren Existenz einsteht. Später kreuzt er die Klingen mit der Amerikanistik-Professorin Claudia Brühwiler, die in den Medien oft und gern als Trump-Kritikerin auftritt und wohl keine von Yarvins Thesen teilt. Yarvin darf nicht missionieren, er wird sich verteidigen müssen.

Kein Vertrauen in eigene Argumente

Alkohol steht in St.Gallen vermutlich nicht auf den Tischen der Diskutanten, aber ansonsten ist das angekündigte Programm eine exakte Umsetzung des „Symposion“. Dessen Idee war es nie, dass sich ein Club von Freunden mit übereinstimmenden Meinungen zum gemütlichen Plaudern mit gegenseitiger Zustimmung trifft. Ganz im Gegenteil, die Griechen hatten erkannt, dass der Weg zum Erkenntnisgewinn über den lustvollen Streit führt.

Das Wort „Streit“ liegt auch in „umstritten“, aber das ist längst ein politischer Kampfbegriff. Er wird verwendet, wenn man dem Publikum signalisieren möchte: Nun kommt gleich Unsinn, bitte weghören. Wer auf diese Methode setzt, traut offenbar seiner eigenen Überzeugungskraft nicht. Curtis Yarvin existiert, und er kann seine Botschaft auch verbreiten, wenn man ihm keine öffentliche Bühne gibt. Was also liegt für seine Kritiker näher, als ihm direkt zu begegnen und zu widersprechen? Und wo kann man das besser tun als an einer Universität, einem Wissenstempel?

Da halten einige dagegen. „Man muss doch nicht mit jedem Hampel diskutieren“, schreibt der Leser einer Zeitung in einem Kommentar. Die Frage ist nur: Wer definiert, wer ein „Hampel“ ist und wer nicht? Und wenn unter Druck Einzelner und mit Hilfe der Medien entschieden wird, wer sprechen darf und wer nicht: Ist das nicht genau das, was Curtis Yavin vorgeworfen wird – antidemokratisch und antiegalitär?

Aber das ist nur der längst bekannte Mechanismus bei den vermeintlich Toleranten: Meinungsfreiheit schützt man eben am besten, indem man unliebsame Meinungen verbietet.

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