Politische Prokrastination
Die Schweiz hat in der Vergangenheit einige Sprint-Asse hervorgebracht, die bei internationalen Leichtathletik-Wettbewerben durchaus mithalten können. Die Bevölkerung als Ganzes sollte aber besser nicht an den Start gehen. Denn es gibt eine typisch eidgenössische Untugend: Auf den letzten Metern machen die Leute schlapp.
Am Sonntag kam die „Nachhaltigkeits-Initiative“ zur Abstimmung. Sie forderte einen Bevölkerungsdeckel in der Verfassung. Die ständige Wohnbevölkerung sollte nicht über zehn Millionen Menschen wachsen. Kommt man in die Nähe dieser Marke, muss die Politik gegensteuern. Das hätte eine Drosselung der Zuwanderung bedeutet. Und reicht das nicht aus, wäre das Abkommen mit der EU über die Personenfreizügigkeit zur Disposition gestanden. Es hätten aber in der Nettorechnung aus Ein- und Auswanderungen pro Jahr immer noch 40.000 Menschen kommen können.
Am Sonntag haben nun rund 55 Prozent der Stimmbürger Nein gesagt zu der Initiative. Dies, nachdem erste Umfragen auf einen möglichen Sieg der Initianten gedeutet hatten. Im Endspurt siegten dann eben doch die Ängste vor dem Unbekannten und die Sehnsucht danach, im Zweifelsfall alles beim Alten zu lassen.
Massive Fehlprognose
Wer die vorgeschlagene Maßnahme für radikal hält, muss sich die Zahlen vor Augen führen. Als sich die Schweiz mit der EU über die bewusste Personenfreizügigkeit einigte, rechnete das Bundesamt für Statistik vor, das würde zu einem jährlichen Zuzug von maximal 8.000 Personen führen. Es waren dann 80.000 pro Jahr. Aus der massiven Fehlprognose wurde plötzlich Programm. Das müsse so sein, sagt die Politik, die auf eine Art Schneeballsystem setzt. Lücken in der eigenen Bevölkerung, vor allem wegen der Geburtenfaulheit, werden einfach mit Zugewanderten gefüllt.
Der Vorschlag zur Problemlösung vom Sonntag war nicht des Pudels Kern. Außerhalb der Schweizerischen Volkspartei (SVP), welche die Initiative ins Leben gerufen hatte, war nie jemand so richtig begeistert von der Idee eines Bevölkerungsdeckels. Die Bundesverfassung aus dem Jahr 1848 ist ein sehr schlankes und elegantes Werk, in dem bewusst nur das Nötigste festgelegt wurde. Darin ausgerechnet in volatilen Zeiten mit absoluten Zahlen zu hantieren, ist ungewöhnlich, denn wer weiß schon, wie die Welt in 20 Jahren aussieht?
Allerdings war immer klar: Die Schweiz ist wendig genug, um in höchster Not sehr schnell umzuschwenken. Natürlich hätte man später an dieser fixierten Zahl schrauben können, wenn es die Situation erfordert. Mit einem Ja hätten die Schweizer lediglich das klare Bekenntnis abgelegt, die Zuwanderung wieder selbst steuern zu wollen.
Einwanderung ins Sozialsystem
Denn der flapsig anmutende Spruch vieler Befürworter ist im Kern richtig: Es kommen zu viele, und es kommen die falschen. Schön, dass auch benötigte Chefärzte, Pflegepersonal, Kellner und Bauarbeiter den Weg in die Schweiz finden. Viele andere wandern aber mehr oder weniger direkt ins Sozial- und Gesundheitssystem ein, und der Familiennachzug multipliziert ihre Zahl. Oder denkt jemand ernsthaft, unter den 150.000 bis 200.000 Menschen, die jedes Jahr neu in die Schweiz ziehen, befänden sich nur Ärzte und Pfleger, Nobelpreisträger und das Spitzenpersonal von Google und Apple?
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Zurück zur Mutlosigkeit beim Endspurt. Die Geschichte zeigt, wie sich diese wiederholt. 1970 kam die sogenannte „Schwarzenbach-Initiative“ zur Abstimmung, die Mutter aller Migrations-Initiativen. Sie verlangte, dass der Ausländeranteil in der Schweiz maximal zehn Prozent betragen dürfe. 54 Prozent sagten damals Nein, praktisch deckungsgleich mit der Vorlage vom Sonntag.
Was sich allerdings nicht deckt, sind die anderen Zahlen.1970 lebten in der Schweiz 6,2 Millionen Menschen, heute sind es 9,1 Millionen. 50 Prozent Zuwachs in 56 Jahren: Das Land hat das geschluckt und verarbeitet, und es prosperiert weiterhin. Aber ist es wirklich unanständig, die Frage in den Raum zu stellen, ob es im selben Tempo weitergehen kann?
Seit den Zeiten von James Schwarzenbach ist es dasselbe Spiel: Die Gegner einer Zuwanderungsgrenze versichern uns, dass man nur Nein sagen solle zu einer konkreten Vorlage, und danach werde man sich mit anderen Lösungen um das Problem kümmern. Geschehen ist das nie. Die Schweiz wächst seit Jahrzehnten ungebremst. Und das wird sie weiter tun, weil eine Mehrheit der Schweizer Bürger Anhänger der politischen Prokrastination sind: Sie verschieben die dringenden Fragen.
Andere können es auch
Am Abstimmungstag war es ausgerechnet ein Journalist aus Dänemark, der die Situation der Schweiz wunderbar zusammenfasste. In seinem Land würde niemand auf die Idee kommen, einen Bevölkerungsdeckel zu installieren, sagte er. Aber nicht, weil Migration so wundervoll sei, sondern weil sich längst alle Parteien von links bis rechts darauf geeinigt haben, dass die Zuwanderung begrenzt und gesteuert werden müsse. Noch vor 20 Jahren wäre man in seinem Land mit dieser Position als Rassist gebrandmarkt worden, so der Mann, aber inzwischen sei die Haltung Konsens.
Davon ist man in der Schweiz noch weit entfernt. Dieselben Kreise, die sich am liebsten schon heute in den Schoß der Europäischen Union werfen würden, sind nicht bereit, von einem EU-Land zu lernen.
Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Sieger vom Sonntag nun ihrerseits Konzepte auf den Tisch legen, um eine weitere maßlose Bevölkerungsexplosion durch Massenzuwanderung zu verhindern. Gestützt werden sie von wissenschaftlichen Expertisen, die besagen, dass die Schweiz problemlos zehn, zwölf oder auch 16 Millionen Menschen beherbergen kann. Es sei alles nur eine Frage der Raumplanung.
Man kann ihnen nicht widersprechen. Man bringt schließlich auch zehn Leute in einer Ein-Zimmer-Wohnung unter, wenn es nötig ist. Die Frage ist nur, ob man dort wirklich leben will.
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare
Bei aller Berechtigung des Anliegens, Migration zu regeln und zu begrenzen:
Der Autor sagt selbst: "Der Vorschlag zur Problemlösung vom Sonntag war nicht des Pudels Kern. Außerhalb der [...] SVP [...] war nie jemand so richtig begeistert [...]. Die Bundesverfassung aus dem Jahr 1848 ist ein sehr schlankes und elegantes Werk, in dem bewusst nur das Nötigste festgelegt wurde. Darin ausgerechnet in volatilen Zeiten mit absoluten Zahlen zu hantieren, ist ungewöhnlich."
Auf die Gefahr hinaus, als Deutscher ohne Kenntnis der speziellen Schweizer Verhältnisse zu reden, aber: Das allein ist Argument genug, warum die Entscheidung der Schweizer richtig war.
Eine Verfassung ist schon etwas besonderes. Es mag vielleicht schon auf einfache Gesetze zutreffen, aber jedenfalls in die Verfassung gehört nur, was ausgegoren ist und nur, was nicht nur ein kleineres Übel gegenüber dem Status quo, sondern positiv gut ist.
- Nebenbei: Das scheint mir unter anderen politischen Lagervorzeichen relativ ähnlich zu unserem unsäglichen neuen Artikel 143h GG. (Bei dem geht es aber immerhin nur um Geld.) Man muß ja den Deutschen nicht jeden Schmarrn nachmachen. -
Ein großes Defizit der Vorlage erscheint mir übrigens, daß die Regierung im Falle des Falles nur "insbesondere" zu Maßnahmen im Asyl- und Familiennachzugsbereich aufgefordert worden wäre (vorgeschlagener Art. 197 Ziff. 15, Abs. 1) und "auch" dazu, das Personenfreizügigkeitsabkommen zu kündigen (Abs. 2), ausdrücklich aber "alle ih[r] zur Verfügung stehenden Massnahmen" (ebd.) zu treffen gehabt hätte. Wenn also die Schweizer plötzlich gebärfreudig werden und dadurch die 10 Millionen zu reißen gedroht hätten, dann hätte rein vom Wortlaut her die Regierung dagegen Maßnahmen ergreifen müssen, was zeitgenössische Richter (das ist jetzt wohl auch sehr deutsch gedacht) wahrscheinlich auf "Verhütung propagieren", vielleicht auch auf noch Schlimmeres interpretieren würden. Die Berücksichtigung des Geburtenüberschusses - man hat also an dieses Thema gedacht - war in der Vorlage erst für ab 2050 vorgesehen (vorgeschlagener Art. 73a Abs. 2 Satz 2).
Unwahrscheinlich, daß die Schweizer (oder Deutschen) auf einmal so gebärfreudig werden? Mag sein. Aber eine Verfassung hat nicht nur den wahrscheinlichen, sondern jeden denkbaren Fall, ganz sicher einen denkbaren wünschenswerten Fall, zu regeln. (Das ist natürlich vermutlich auch wieder sehr deutsch gedacht.)
Es ist völlig logisch, dass die Landbevölkerung dafür war. Sie wollen nicht so enden wie die Agglomeration, wo die Häuserpreise im Himmel sind, das Leben die Hölle und die Schweiz nicht mehr die Schweiz ist.
Die SVP-Initiative war klar ausländerfeindlich, also geprägt von existenzieller Angst. Aber die Schweizer gibt es nicht, wie man an der Geschichte der Besiedelung der Schweiz sehen kann. Von allen Seiten sind die Völker in das zuerst unbesiedelte Gebiet der heutigen Schweiz gewandert. Und nur weil Napoleon eines Tages dafür gesorgt hat, dass der "Nationalstaat Schweiz" gegründet wurde, hat sich es nicht geändert. Es geht also nicht um Zuwanderung von Ausländern, sondern schlicht um die Frage, wieviele Menschen in dieser Region siedeln können. Da im Moment der Wohnraum nicht mehr ausreicht, sind zuviele Menschen hier. Also muss man nicht einen Deckel bei 10 Millionen fordern, sondern man muss einen höheren Bestand an freiem Wohnraum fordern, zum Beispiel 2% durchschnittlich. Wie dieser erreicht wird, kann man situativ entscheiden :-)
Schon seit meiner Kindheit und Jugend besuche ich regelmäßig die Schweiz. Die besondere Lebensart der Schweizer, das kulturelle Selbstverständnis und das daraus resultierende Schweizer Flair fand ich immer sehr angenehm. In manchen Gegenden ist das aber so gut wie nicht mehr wahrnehmbar. Wenn das so weitergeht, wird aus der Schweiz ein größeres Berlin. Davor graust es mir. Eine Chance das zu verhindern wurde jetzt verpasst.