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Ende eines Klischees

Der fleißige Deutsche – ein Auslaufmodell?

Es stimmt leider, dass deutsche Touristen, wenn sie männlich und etwas in die Jahre gekommen sind, weiße Socken in Sandalen tragen. Keineswegs alle, aber doch. Auch sonst kann der Deutsche in Modefragen nicht gerade punkten. Tja, so ist es eben. Dafür sind an anderer Stelle Vorzüge zu nennen. Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein beispielsweise. Und in Sachen Arbeitsmoral steht der Deutsche sowieso ganz weit oben. Oder etwa nicht? 

Friedrich Merz ist davon jedenfalls nur wenig überzeugt. Der Bundeskanzler machte im Januar 2026 eine klare Ansage, die sich lapidar so zusammenfassen lässt: Arbeitnehmer müssten dringend mehr Einsatz zeigen, so gehe es nicht weiter. Also übersetzt: Nicht Fleiß, sondern Faulheit zeichnet die Deutschen heutzutage aus. Nicht gerade das, was man über sich hören will. Allein: Kann das denn wirklich sein? Und wenn ja, wie konnte es nur dazu kommen? 

„Anderswo wird deutlich mehr gearbeitet“

Liegt es etwa daran, dass der Deutsche kein Schweizer ist? Von Merz gab es nämlich auch diesen Seitenhieb: In der Schweiz arbeiteten die Menschen rund 200 Stunden mehr pro Jahr. Auch andere Vergleiche machen ein Gefälle deutlich: Bereits 2022 zeigte ein OECD-Bericht, dass das jährliche Arbeitspensum des durchschnittlichen Deutschen mit rund 1340 Stunden unter dem Durchschnitt der Europäischen Union mit 1570 Stunden liegt – Spitzenreiter ist Griechenland mit fast 1900 Stunden pro Jahr. Es bröckelt also nicht erst seit gestern. Blickt man noch weiter zurück, wird klar: Während der vergangenen 30 Jahre wurde in Deutschland durchschnittlich immer weniger gearbeitet, inzwischen 15 Prozent weniger als noch Mitte der 1990er Jahre.

Nicht nur Merz attackierte das Selbstverständnis der Deutschen, das ganz wesentlich darauf beruht, sich als Arbeitstier zu begreifen. Der einstige Finanzminister Christian Lindner kam vor gut zwei Jahren ebenfalls zu dem Schluss, dass die Deutschen zu wenig arbeiten würden. „In Italien, in Frankreich und anderswo wird deutlich mehr gearbeitet als bei uns“, machte der FDP-Politiker deutlich. Das Hauptproblem der deutschen Wirtschaft sei kein Mangel an öffentlichen Investitionen, sondern ein Rückgang der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf und Jahr. Dem schloss sich in einem Interview mit der Welt am Sonntag der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing an: „Wir müssen klarmachen, dass wir wieder mehr, härter und anders arbeiten müssen.“

Bundesregierung will Achtstundentag abschaffen

Eigentlich sei es ein Tabuthema, den Deutschen ihre Arbeitsmoral abzusprechen, stellte Chris Bryant von der amerikanischen Nachrichtenagentur Bloomberg in einem Kommentar fest, der im April 2024 veröffentlicht wurde. Damit hat er Recht. Doch der Journalist kam nicht umhin, genau das zu tun. Sein Fazit: Deutschland habe zwar lange ein „gutes Gleichgewicht zwischen prosperierender Wirtschaft und gutem Leben gefunden“ – doch damit sei es langsam vorbei. Problematisch sei, dass die Teilzeitquote zu hoch sei und dass es zu viele Fehl- und Krankheitszeiten gebe. Hinzu komme, dass die Generation der Babyboomer nach und nach abtrete und dass die jüngere Generation eine andere Arbeitsmoral habe, was bedeute, dass sie mehr Wert auf eine gesunde Work-Life-Balance lege und ergo Freizeit mehr Raum bekomme als früher, zu Ungunsten des beruflichen Engagements.

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Bryant warf die Frage auf, „ob das Land nicht mehr tun könnte, um die Menschen zu ermutigen, ihr ungenutztes Arbeitspotenzial auszuschöpfen, insbesondere Frauen und Menschen, die kurz vor der Rente stehen.“ Auch die deutsche Bundesregierung hat sich so ihre Gedanken gemacht. Geplant ist nun, die tägliche Grenze von acht Stunden aufzuheben und sich stattdessen primär am EU-weiten wöchentlichen Höchstarbeitszeit-Limit zu orientieren, das 48 Stunden beträgt. Von den Gewerkschaften gibt es bereits kräftigen Gegenwind: Die Abschaffung des Achtstundentages führe zu längeren Schichten, erhöhtem Stress, gesundheitlichen Risiken und einer schlechteren Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Hohe Teilzeitquote und viele Krankheitstage

Doch ist all die Aufregung überhaupt angebracht? Denn wahr ist auch: Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten. In den zurückliegenden zehn Jahren ist die Erwerbsquote in Deutschland deutlich gestiegen. Was daran liegt, dass Frauen und ältere Männer am Erwerbsleben stärker beteiligt sind. Das allerdings hat auch die Teilzeitquote in Deutschland nach oben getrieben – sie ist mit gut 30 Prozent so hoch wie nie und damit höher als in den meisten europäischen Ländern. Und das wiederum ist mit ein Grund, warum die durchschnittliche Jahresarbeitszeit in Deutschland im OECD-Vergleich so niedrig ist. 

Zudem steigen grundsätzlich, also sowohl in Vollzeit- wie in Teilzeitjobs, die unproduktiven Tage an, also die Tage, an denen Arbeitnehmer aus Krankheitsgründen ausfallen. Im Schnitt sind das 14,5 Tage, also knapp drei Wochen. Merz kommentierte das mit: „Ist das wirklich notwendig?“ Damit legte er nahe, dass der Deutsche wahrscheinlich gar nicht so krank ist, wie er tut, sondern eher verweichlicht und wehleidig.

Ein Bild, in dem sich der Deutsche nicht gerade gefällt. Stattdessen beruft er sich gerne auf die sogenannten preußischen Tugenden, die bis ins 17. Jahrhundert zurückgehen und Werte wie Disziplin, Pflichterfüllung, Ordnungssinn und Pünktlichkeit beinhalten. Das allerdings zog auch regelmäßig Spott nach sich, etwa von Schriftsteller Kurt Tucholsky, der 1925 in der Wochenzeitschrift Weltbühne schrieb: Der Fleiß des Germanen sei eine „unangenehme Angewohnheit“, seine Tugend „ein Laster“. Und nicht ohne Ironie stellte er fest: „Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit.“ 

Weltweit allerdings zollte man der deutschen Tüchtigkeit Respekt, was insbesondere durch das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit gefestigt wurde. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Westmächte kräftig Geld in Westdeutschland hineingepumpt hatten. Auch der Marshallplan trug zur wirtschaftlichen Stabilisierung bei.

Die Wahrheit liegt in der Mitte

Faul oder fleißig, das bleibt immer noch die Frage. Fest steht: Stereotype halten sich hartnäckig. Gerade wenn sie dem Empfänger schmeicheln. Denken wir auch an die viel gelobte „deutsche Pünktlichkeit“. Dass man da gehörige Abstriche machen muss, zeigt sich jedem, der nur einen Tag mit der Deutschen Bahn unterwegs ist. Insofern lässt sich auch über den „deutschen Fleiß“ sagen, dass er sicher nicht ausgestorben, aber keine feststehende Konstante ist. Anders gesagt, die Wahrheit liegt immer dazwischen. 

Ja, die Begegnung mit der Wirklichkeit ist manchmal enttäuschend. Zugleich bietet sie die Möglichkeit, sich aus dem Klammergriff der Illusion zu befreien. Auch der Deutsche ist mehr als sein Klischee, das ist jedenfalls die gute Nachricht. Sie bedeutet allerdings, sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen zu können.

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