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Pastor Tobias Riemenschneider im Porträt

Christlicher Kulturkämpfer Nr. 1

„Ich bin hier, weil ich die Videos von Tobias auf YouTube gesehen habe“, sagt der erste. „Mir gefällt es, dass Tobias in seinen Videos Klartext redet. Das hat mich neugierig gemacht, seine Gemeinde und den Gottesdienst zu besuchen“, schildert die zweite. „Wir haben Tobias über seine Videos im Internet gefunden und fahren nun schon seit einigen Wochen hierher in den Gottesdienst“, berichten der dritte und die vierte.

Sie sind über seine Videos im Internet auf ihn aufmerksam geworden. Das erzählen die meisten der rund 100 Gottesdienstbesucher, die an diesem Oktobersonntag in Pastor Tobias Riemenschneiders freikirchliche Gemeinde im hessischen Oberursel bei Frankfurt gekommen sind. Beinahe täglich lädt der 43 Jahre alte dreifache Familienvater Clips auf YouTube, Instagram, TikTok und Facebook hoch, in denen er sich nicht nur zu theologischen Fragen äußert, sondern immer häufiger politische und gesellschaftliche Entwicklungen kommentiert. Er attackiert die Trans-Ideologie, die er für unchristlich hält, stellt den Rapper Kollegah und dessen islamischen Glauben in den Senkel oder schießt gegen ZDF-Clown Jan Böhmermann, nachdem der unlängst den christlichen Glauben verhöhnte.

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Riemenschneiders Erfolg ist durchschlagend. Plattformübergreifend folgen ihm mehr als 250.000 Menschen, seine Videos erzielen hunderttausende Aufrufe, in der Spitze sogar Millionen. Tendenz rasant steigend. Allein sein Instagram-Kanal wuchs innerhalb der zurückliegenden zwölf Monate von 8.000 Follower auf derzeit 135.000 Follower.

Mit dem Erfolg wächst indes die Kritik. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der öffentlich-rechtliche Rundfunk warnen vor Riemenschneider. Die „Tagesschau“ ordnet ihn nicht nur der sogenannten Neuen Rechten zu, sondern bringt ihn mit Rechtsextremismus in Verbindung und wirft ihm vor, seine Sprache sei „voller völkischer Anleihen, die an die Verschwörungserzählung des ‘Großen Austauschs’ erinnern“. Die ARD nimmt ihn in einem Beitrag mit dem Titel „Fromm und radikal – Verfassungsfeinde im Namen Gottes“ ins Visier. Die von der EKD betriebene „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ schmäht ihn als „christlichen Fundamentalisten“, der der „klar verfassungswidrigen Option“ einer christlichen Staatsreligion „relativ nahe“ komme.

Corrigenda wollte sich ein eigenes Bild von Tobias Riemenschneider machen. Wer ist dieser Mann? Woran glaubt er, was treibt ihn an, welche Ziele verfolgt er? Ist er wirklich so radikal und gefährlich, wie seine Kritiker behaupten? 

Riemenschneider will das Frauenwahlrecht abschaffen

Beim Gottesdienst in Riemenschneiders Gemeinde fällt auf, dass viele junge Familien zugegen sind. Der Gesamtaltersschnitt liegt schätzungsweise bei 30 bis 35, weit unter dem, was man aus den Gottesdiensten der offiziellen evangelischen und katholischen Kirche kennt. Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen, was man überraschend finden mag. Bedenkt man, dass insbesondere jüngere Männer deutlich rechter wählen als Frauen, müsste ein vermeintlich rechter Prediger eigentlich wesentlich mehr Männer anziehen, zumal Riemenschneider das Frauenwahlrecht abräumen will. Doch dazu später mehr.

Die Gemeindemitglieder könnte man so, wie sie sind, in einen Aldi, auf ein Feuerwehrfest, einen Elternabend oder in einen wie immer verspäteten Zug der Deutschen Bahn verpflanzen, niemand würde sich nach ihnen umdrehen. Lediglich ein Detail könnte den unkundigen Besucher irritieren. Ungefähr ein Viertel der Frauen trägt im Gottesdienst einen Schleier, was man zwar in traditionellen christlichen Gemeinden häufiger sieht, womit sie jedoch in einem „normalen“ amtskirchlichen Gottesdienst erheblich aus der Reihe fielen. Riemenschneider empfiehlt den Frauen seiner Gemeinde, im Gottesdienst einen Schleier zu tragen, eine Pflicht existiert nicht.

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Die Gemeinde des Pastors, die es seit 2016 gibt, trägt seit Januar 2026 den Namen „Christuskirche Frankfurt“. Es handelt sich um eine evangelisch-reformierte Baptistengemeinde. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass Riemenschneider und seine Glaubensgeschwister allein die Bibel als höchste Autorität für Glauben und Lebensführung anerkennen, während kirchliche Traditionen – anders als bei den Katholiken – eine untergeordnete Rolle spielen. Der Unterschied zu den amtskirchlichen Protestanten besteht im Kern darin, dass die Baptisten die Bibel nicht historisch-kritisch auslegen, sondern wörtlich. „Wenn ich meinen Glauben auf einen Punkt bringen müsste“, erklärt Riemenschneider, „würde ich folgendes sagen: Die Bibel ist das Wort Gottes. Unfehlbar und ohne Irrtum. Alles, was in der Bibel steht, ist für mich die Wahrheit.“

Von seiner Ausbildung her ist Riemenschneider kein Theologe, sondern Jurist. Bevor er im Mai 2021 in den Vollzeitdienst als Pastor wechselte, arbeitete er als Anwalt für Frankfurter Großbanken im Bereich Mergers and Acquisitions, wickelte also Unternehmenskäufe, Beteiligungen oder Umstrukturierungen ab. „Ich war gerne Anwalt“, blickt er auf diese Zeit zurück. Aber zum einen habe er enorm viel Zeit im Büro verbringen müssen, auch nachts und am Wochenende, wodurch er seine Kinder nur selten gesehen habe. Heute arbeite er immer noch viel, „allerdings tue ich das jetzt von zu Hause aus und bin da“. Zum anderen habe ihn die Theologie doch mehr in den Bann gezogen als Wirtschaftsrecht.

Ein Erfolgsfaktor: Seine kräftige Stimme

Zurück zum Gottesdienst, der wie üblich bei Freikirchen nicht in einem richtigen Kirchengebäude stattfindet, sondern in einem von außen unscheinbaren weltlichen Gebäude. Die Gemeindemitglieder funktionieren den Saal, der wochentags anderweitig genutzt wird, zur Kirche um, indem sie links und rechts mehrere Stuhlreihen aufbauen. In der Mitte bleibt ein Durchgang, vorne steht eine hölzerne Kanzel vor einem schwarzen Vorhang – beides, Kanzel und Vorhang, sieht man in zahlreichen Videos. Alle Plätze sind besetzt.

Als Riemenschneider pünktlich um halb elf in den Raum schreitet und lächelnd seine Gemeinde begrüßt („Liebe Brüder und Schwestern“), tritt unmittelbar ein Faktor seines Erfolgs zutage: Im Gegensatz zu anderen Geistlichen bringt er, das müssen wohl selbst seine Gegner zugeben, Charisma mit. Das liegt weniger an der kleinen randlosen Brille im John-Lennon-Stil oder seiner gedrungenen Statur, schon etwas mehr an dem Anzug mit Krawatte (Riemenschneider trägt keine liturgischen Gewänder, sondern fast immer Anzug mit Krawatte), und noch mehr an seinem schwarzen Vollbart, der ihm Autorität verleiht. In erster Linie aber sticht die kräftige Stimme hervor, eine wahre Gabe Gottes, die ihn – obwohl er lispelt – zum geborenen Prediger macht.

Wobei es diesmal gar nicht Riemenschneider ist, der die etwa eine Stunde lange Predigt hält, die im Zentrum des Gottesdienstes steht und in den Folgetagen stets in den sozialen Medien verbreitet wird. Diesen Part überlässt er heute einem österreichischen Gastprediger, Pastor Mario Cervenka aus Tullnerfeld in der Nähe von Wien. Davon abgesehen leitet wie gewöhnlich Riemenschneider den Gottesdienst, angefangen beim Eingangslied (An diesem Sonntag: „Lobt Gott, den Herrn“ in Anlehnung an Psalm 117) über das Sündenbekenntnis und die Lesung (aus dem Markusevangelium 4, 21-41) bis zum Abendmahl und dem Schlussgebet. 

Christen sollen sich politisch einmischen

Der österreichische Gast Cervenka kämpft am Ende seiner Predigt, als er zu Gott betet, mit den Tränen – ein weiterer Aspekt, den man aus den Amtskirchen nicht gewohnt ist. Inhaltlich knüpft der Österreicher in der Ansprache, die später unter dem Titel „Gottes Souveränität im Zeichen Europas“ veröffentlicht wird, an die Themen des Vortags an.

Da lud Riemenschneider zur „PRO REGE Konferenz“ ein, die er seit 2023 organisiert. Auf dem Programm standen Vorträge zur „antichristlichen Ideologie“ der politischen Linken, zur liberalen Theologie als „trojanischem Pferd in den Kirchen“, zum politischen Islam und zu der Frage, wie Deutschland rechristianisiert werden kann.

Damit betritt man das Terrain, das Riemenschneider zu einer so streitbaren Figur macht. Das große Ziel des Pastors besteht darin, Deutschland wieder zu einem christlichen Land zu machen, mit christlicher Politik und Gesetzen, die sich an der Bibel orientieren. Christen haben die Pflicht, sich in die Politik einzumischen, davon ist er überzeugt. Das gelte gerade dann, wenn die christlichen Positionen im Widerspruch zum gesellschaftlichen Mainstream stehen und man als Christ unter Beschuss gerät, sobald man den Schritt aus der inneren Emigration macht und seinen Glauben gegenüber der weltlichen Mehrheit offensiv bekennt.

Zwei Schlüsselerlebnisse: Corona und das Attentat auf Charlie Kirk

Das mit dem Unter-Beschuss-geraten meint Riemenschneider nicht nur metaphorisch, wie er einige Stunden nach dem Gottesdienst in einer nahegelegenen holzvertäfelten Hotelbar deutlich macht. Der Pastor hat sich jetzt am späten Nachmittag die Zeit für ein Gespräch genommen und beantwortet bei einem Glas Kirschschorle erstaunlich freimütig alle Fragen, die ihm Corrigenda stellt. 

Einer der Gründe, warum er sich inzwischen so stark öffentlich exponiert, sei die Ermordung von Charlie Kirk gewesen. Der US-amerikanische christliche Aktivist und Redner wurde am 10. September 2025 von einem LGBTQ-Eiferer in Arizona auf offener Bühne in den Hals geschossen. „Da habe ich verstanden, wir sind wirklich in einem Krieg“, sagt Riemenschneider. „Sie sind bereit, uns für unseren Glauben zu töten“. Mit „sie“ meint der Pastor die politische Linke, deren Vertreter Kirks Ermordung vielfach herunterspielten oder gar feierten, in den USA, ebenso in Deutschland.

Jahre vor dem Tod des evangelikalen amerikanischen „Bruders, der ganz ähnliche Dinge glaubte wie ich“, markiert die Corona-Pandemie eine Zäsur in Riemenschneiders Leben. Genauer die staatlichen Corona-Maßnahmen. „Für mich stand sofort fest, dass das Verbot der Gottesdienste, das 2020 erlassen wurde, Unrecht ist“, erinnert er sich. Besonders schockiert habe es ihn, als in Kanada Pastoren verhaftet wurden, weil sie sich dem Verbot widersetzten, ihre Kirchen öffneten und trotzdem Gottesdienste feierten.

Beide Ereignisse, der Mord an Kirk und die Verhaftung der kanadischen Pastoren, hätten ihm vor Augen geführt, dass er etwas tun müsse. „Ich habe verstanden: Diese christlichen Männer gehen ins Gefängnis und werden erschossen für ihren Glauben. Ich muss in ihre Fußstapfen treten. Ich muss ebenso mutig meinen Glauben bekennen und predigen.“

In der Coronazeit, 2022, wendet er sich mit der „Frankfurter Erklärung christlicher und bürgerlicher Freiheit“ gegen die staatlichen Maßnahmen und erscheint zum ersten Mal nennenswert auf dem Radar der Öffentlichkeit. Nach Kirks Ermordung 2025 entscheidet er sich, noch dezidierter Stellung zur politischen Lage zu beziehen. 

Wichtigste politische Maßnahme? Abtreibung vollständig verbieten

Zudem wurzelt Riemenschneiders ausgeprägte Social-Media-Präsenz in seinem Glaubensweg. Der Pastor wuchs in der Neuapostolischen Kirche auf, einer Freikirche, die im 19. Jahrhundert entstand und für sich in Anspruch nimmt, von neuen Aposteln nach dem Vorbild des Urchristentums geführt zu werden. Riemenschneider bezeichnet die Neuapostolische Kirche inzwischen als Sekte. Zu seinem heutigen Glauben fand er Mitte der 2000er Jahre mithilfe des US-Evangelikalen Paul Washer, auf dessen Predigten er im Internet stieß. „Ich wurde zum wahren Glauben bekehrt durch eine Predigt, die ich im Internet sah“, unterstreicht Riemenschneider. „Insofern wusste ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig dieses Medium sein kann, und stellte später meine Predigten ebenfalls online.“

Allerdings: Würde er sich auf seine Predigten und auf Theologie beschränken, hätten seine Videos keine hunderttausenden Aufrufe und die „Tagesschau“ käme nicht auf die Idee, vor ihm zu warnen. Ausschlaggebend dafür sind seine politischen Ansichten, um die sich das Gespräch von nun an dreht.

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Auf die erste Frage, welche drei Maßnahmen er als erstes ergreifen würde, hätte er morgen das Sagen in Deutschland, antwortet Riemenschneider ohne Umschweife: „Als allererstes würde ich Abtreibung in allen Fällen unter Strafe stellen.“ Es werde „nicht mehr lange gutgehen“, wenn wir weiterhin mehr als 100.000 Kinder pro Jahr „im Mutterleib in Stücke reißen“, fährt er fort, um im übernächsten Satz noch martialischere Worte zu wählen: „Gott gibt uns klare Warnungen davor in der Heiligen Schrift. Unser Land kann das Blut der Kinder nicht mehr lange trinken.“

Alle Abtreibungen unter Strafe zu stellen, schließt Vergewaltigungsfälle mit ein. „So ist es. Das bedeutet nicht, dass ich kein Mitgefühl mit den Frauen habe, denen dieses immense Leid angetan wurde. Aber wir dürfen Unrecht nicht mit Unrecht bekämpfen. Wir dürfen nicht die Kinder töten für die Sünden der Väter.“

Riemenschneider fordert Remigration und die Todesstrafe

„Zweitens würde ich das Christentum fördern – in der Bundesregierung, den Landesregierungen, in den verschiedenen Ministerien, in den Universitäten, in den Schulen, überall.“ Konkret schwebt Riemenschneider vor, in den genannten Institutionen Kreuze anzubringen und tägliche Gebete einzuführen. Niemand solle gezwungen werden, an diesen teilzunehmen. „Aber Christus muss wieder öffentlich sichtbar werden.“ Explizit befürwortet Riemenschneider die Trennung von Kirche und Staat, die er für biblisch begründet hält.

Als dritte Maßnahme nennt er die Remigration der muslimischen Einwanderer, wobei er das umstrittene Wort „Remigration“ nicht in den Mund nimmt. Riemenschneider drückt es so aus: 

„Wer nicht akzeptiert, dass Deutschland ein christliches Land mit christlichen Werten ist, muss Deutschland verlassen. In meinen Augen ist es deshalb notwendig, dass viele Muslime das Land verlassen. Denn der Islam ist immer politisch. Er will immer erobern und die Scharia etablieren. Wer denkt, es wäre anders, ist naiv und hat 1.400 Jahre islamischer Geschichte nicht verstanden.“

Der Pastor präsentiert noch einen vierten Punkt: Es müssten härtere Strafen bis hin zur Todesstrafe eingeführt werden, da die gegenwärtigen Strafen viel zu milde ausfielen und langfristig „zu Anarchie führen“.

Zur Todesstrafe argumentiert er: 

„Die Todesstrafe ist das erste Gesetz, das Gott dem Staat gibt. Gott führt dieses Gesetzes unmittelbar nach der Sintflut ein, in Genesis 9, 6: ‘Wer Blut eines Menschen vergießt, um dieses Menschen willen wird auch sein Blut vergossen. Denn als Bild Gottes hat er den Menschen gemacht.’ Ich halte es für wirklich wichtig, dass für bestimmte Straftaten, insbesondere für Mord, die Todesstrafe zurückkommt.“

Ferner ist Riemenschneider der Meinung, dass Christen zu ihrer Verteidigung Gewalt einsetzen dürfen. „Die Vorstellung von einem pazifistischen Jesus und von einem pazifistischen Christentum halte ich für unbiblisch und zerstörerisch“, betont er. Wenn es darum gehe, Hilflose und vor allen Dingen die eigene Frau und die eigenen Kinder zu verteidigen, müssten Christen sogar zu Gewalt greifen.

„In der Bibel heißt es im 1. Brief an Timotheus 5, 8: ‘Wenn aber jemand für seine Angehörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger.’ Wenn das für das Versorgen gilt, gilt es erst recht für den Schutz des Lebens.“

Aus dem Prinzip, Hilflose und die Seinen mit Gewalt zu verteidigen, ergebe sich auch, dass Christen als Polizisten oder Soldaten arbeiten dürften und dass es gerechte Kriege gebe.

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Ein intelligenter und versierter Rhetoriker 

Da ihm seine Kritiker christlichen Fundamentalismus zur Last legen, könnte man annehmen, Riemenschneider stelle seine Forderungen mit einer Härte und Verbissenheit auf, die für Fanatiker kennzeichnend sind. Zumal er in seinen Videos nicht nur entschlossen wirkt, wie es seine Anhänger auslegen würden, sondern, so könnten es Gegner beschreiben, auf unsympathische Weise unnachgiebig und dogmatisch.

Im persönlichen Gespräch ist das jedoch nicht zu spüren. Der 43-Jährige trägt seine Gedanken zwar mit Nachdruck vor, redet sich allerdings nicht in Rage oder driftet in einen scharfen, irrationalen Ton ab. Auch die oben zitierten drastischen Ausführungen zur Abtreibung („Unser Land kann das Blut der Kinder nicht mehr lange trinken“) spricht er mit ruhiger Überzeugung aus, nicht mit überbordender Emotion. 

Die allzu ernste Miene aus den Clips weicht während des Gesprächs einem entspannten Gesichtsausdruck und verblüffend oft einem Lächeln. Je länger man sich mit Riemenschneider unterhält, desto deutlicher kristallisiert sich das Bild eines überdurchschnittlich intelligenten und versierten Rhetorikers heraus, der lange über die Dinge nachgedacht hat, die er öffentlich formuliert. Für seine Gegner dürfte ihn diese Mischung umso gefährlicher machen. 

Das Auftreten ändert freilich nichts daran, dass seine politischen Ansichten weit über den linksliberalen „Tageschau“- und EKD-Mainstream hinaus die Alarmglocken schrillen lassen. Selbst bei einigen konservativen Christen, speziell älteren, dürfte er mit seiner unversöhnlichen Anti-Abtreibungs-Haltung, der rigorosen Ablehnung des Islam und der Todesstrafen-Forderung nicht anschlussfähig sein, ganz zu schweigen von den interkonfessionellen Ressentiments gegenüber einem reformierten Baptisten, die die politischen Differenzen zusätzlich anheizen.

Dabei wurden zwei weitere brisante Streitthemen bis hierhin noch überhaupt nicht erwähnt: Riemenschneiders Haltung zu Homosexualität und seine Nähe zur AfD.

AfD sei „die einzige große Partei, die ein Christ wählen kann“

2023 sprach der Prediger in einem seiner Videos eine unmissverständliche Wahlempfehlung für die Rechtspopulisten aus. Klammere man die Kleinstparteien wie Bündnis C – Christen für Deutschland aus, die keine realistische Chance aufs Überspringen der Fünfprozenthürde hätten, sei die AfD „die einzige“ der großen Parteien, „die ein Christ wählen kann“, rief er seiner Gemeinde seinerzeit entgegen.

Ja, das sehe er nach wie vor so, bestätigt Riemenschneider in der Hotelbar, bevor er einen kräftigen Schluck von der Kirschschorle nimmt. Seine Begründung sei ebenfalls noch dieselbe wie damals. „Die AfD ist keine christliche Partei, keine gute Partei im biblischen Sinne“, betont er. „Aber sie ist die einzige große Partei, die sich gegen Abtreibung stellt, die die Ehe als einen Bund zwischen Mann und Frau hochhält und der woken Regenbogen-Ideologie eine Absage erteilt.“ Auch die Einhegung der Migration, gerade mit Blick auf den Islam, sei christliche Politik, die man ausschließlich bei der AfD finde.

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In die anderen, zumindest formell konservativen Parteien im Bundestag setzt der Pastor dagegen keine Hoffnung. CDU und CSU trügen das „C“ im Namen, hätten sich gleichwohl schon lange von christlicher Politik verabschiedet. „CDU und CSU wollen, dass es in puncto Abtreibung bei der jetzigen Regelung bleibt. Es soll also weitergehen mit den mehr als 100.000 im Mutterleib ermordeten Kinder pro Jahr.“ Darüber hinaus sei es die CDU/CSU gewesen, die die „Ehe für alle“ eingeführt habe. 

Auf den Einwand, dass die AfD in ihrem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2025 ebenso die Beibehaltung der jetzigen Abtreibungs-Regelung – nach der Abtreibung in zahlreichen Fällen straffrei bleibt – befürwortete, entgegnet Riemenschneider:

„Der Entwurf des Wahlprogramms der AfD sah vor, Abtreibungen nur bei kriminologischer oder medizinischer Indikation zu erlauben. Dies fand innerparteilich leider keine Mehrheit. Stattdessen wurde im Wahlprogramm lediglich festgehalten, dass das Lebensrecht der Kinder nicht ausreichend geschützt sei und die Schwangerschaftskonfliktberatung daher wieder dem Schutz des Lebens dienen müsse, zum Beispiel, indem Müttern Ultraschallaufnahmen ihres Kindes gezeigt werden.“

Er finde diesen Kompromiss „unzureichend“. Dennoch sei die AfD die einzige der großen Parteien, die die Zahl der Abtreibungen überhaupt als Problem anspreche und Maßnahmen zum Schutz des Lebens ergreifen wolle. Im Gegensatz dazu äußerten CDU/CSU in ihrem Wahlprogramm nicht ein einziges kritisches Wort zu Abtreibungen.

Noch vehementer als die CDU/CSU macht Riemenschneider die Amtskirchen zur Schnecke. Zunächst konzediert er zwar, auch dort wirkten „gute, treue Männer“, die sich jedoch eklatant in der Minderheit befänden. Zwei Sätze später tituliert er die EKD als „Synagoge des Satans“. In der evangelischen Kirche habe mit dem Vormarsch der liberalen Theologie im 19. Jahrhundert „ein Abfall vom Glauben“ stattgefunden, dort herrsche endgültig „nicht mehr der Heilige Geist, sondern der linksgrüne Zeitgeist“. In der katholischen Kirche in Deutschland gebe es die gleiche Tendenz, diese sei aber schwächer ausgeprägt als in der EKD. Die Vorwürfe der beiden Amtskirchen gegen die AfD, diese verletze die Menschenwürde und die Nächstenliebe, hält der Pastor für linksideologisch geprägt und biblisch nicht begründet.

Linke Medien hätten „eine Sache“ über ihn verstanden

Bei dieser Gelegenheit geht er auf die Unterstellungen gegen ihn selbst ein. „Wenn man mich als fundamentalistischen Christen bezeichnet, habe ich damit kein Problem, denn der Fundamentalismus ist eine ursprünglich aus den USA stammende theologische Strömung, die sich gegen die liberale Theologie richtet. Christliche Fundamentalisten in diesem Sinn glauben daran, dass die Bibel wirklich das Wort Gottes ist, dass Maria wirklich eine Jungfrau gewesen ist, dass Jesus wirklich leiblich auferstanden ist und dies keine bloßen Metaphern sind. Das alles glaube ich.“

Selbstverständlich wisse er, dass seine Widersacher ihm das Etikett „fundamentalistisch“ nicht aus diesem theologischen Grund aufkleben. Vielmehr zielten sie darauf ab, ihn als „gefährlich“ zu brandmarken und die Leute davon abzuhalten, sich mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen. 

„Ich bin natürlich keine gefährliche Person, die irgendwo mit dem Messer wartet und auf Passanten einsticht oder die mit dem Auto in eine Menschenmenge rast.“ Doch vor dem Hintergrund seiner Reichweite in den sozialen Medien sei er für diese „antichristlichen Ideologen“ tatsächlich eine Gefahr.

„Die linken Medien und Institute, die mich ins Visier nehmen, haben eine Sache verstanden: Ich verkündige die Wahrheit Gottes. In dem geistigen Kampf, in dem wir uns befinden, komme ich mit dem Schwert des Geistes, dem Wort, wie der Apostel Paulus an die Epheser 6, 17 schreibt. Dieses Schwert des Geistes hat die Kraft, die falsche linke Weltanschauung zu besiegen.“

Dann klingelt das Telefon und ein prominenter AfD-Politiker ist dran

Seine Gegner warnen auch deshalb vor dem Pastor, weil sich seine Sympathie für die AfD nicht in Wahlempfehlungen erschöpft. Riemenschneider sucht aktiv die Nähe zu der Partei und trat mehrfach auf AfD-Veranstaltungen auf. Zum zehnjährigen Bestehen der Gruppe „Christen in der AfD“ referierte er im Oktober 2025 auf Einladung der AfD-Bundestagsfraktion zum Thema „Spannungsfeld: Christ und Politik“. Kurz darauf hielt er bei der Weihnachtsgala der AfD Sachsen-Anhalt einen Vortrag. Bald, am 31. Oktober, erörtert er bei einem Treffen der „Christen in der AfD“ in Baden-Württemberg die Frage „Wie retten wir Deutschland?“.

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Dass die AfD und Riemenschneider zusammenarbeiten, liegt im Interesse beider Seiten. Die AfD schickt sich nach dem Vorbild von Donald Trumps MAGA-Bewegung an, christliche Wählerschichten zu erschließen, die gegenwärtig noch stark an die Unionsparteien gebunden sind. „Konfessionelle Christen“ böten ein signifikantes Wählerpotenzial, heißt es in einem Strategiepapier, das von der Bundestagsabgeordneten und gläubigen Christin Beatrix von Storch mitverfasst wurde. Von Storch, die bei der Veranstaltung im Oktober 2025 neben Riemenschneider auf dem Podium saß, gehört zu den christlichen Netzwerkerinnen in der Partei.

Der Pastor, das unterstreicht er mehrfach, verfolgt das große Ziel, Deutschland wieder zu einem christlichen Land zu machen. Dass sich Christen politisch engagieren, hält er deshalb für essenziell. Und dass dieses Engagement parteipolitischer Natur sein muss, liegt in einer Parteiendemokratie auf der Hand. Als er am Vortag auf der „PRO REGE Konferenz“ den Bundesvorsitzenden der „Christen in der AfD“, Joachim Kuhs, begrüßte, der als Privatperson an der Konferenz teilnahm, wies Riemenschneider die Zuhörer darauf hin, Kuhs habe „sicher ausreichend“ Antragsformulare für die Mitgliedschaft bei den „Christen in der AfD“ dabei; die Gruppe ist schon qua Namen eine der AfD nahestehende Organisation, Mitglied kann man allerdings auch werden, ohne Mitglied der AfD zu sein.

Zugleich birgt seine AfD-Nähe für Riemenschneider ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Sollte die Partei ihre Anhänger enttäuschen, könnte das auf ihn zurückfallen. Sein Lob für die Rechtspopulisten hätte sich als falsch herausgestellt – und könnte seine Autorität und das Vertrauen in ihn auch bei seinen anderen Positionen untergraben, die eigentlich nichts mit Parteipolitik zu tun haben.

Wie kurz die Wege zwischen Pastor und Partei sind, zeigt sich nicht zuletzt an diesem Sonntag. Wenige Minuten nach dem Gespräch mit Corrigenda klingelt Riemenschneiders iPhone. Am anderen Ende der Leitung spricht ein prominenter AfD-Politiker, dessen Namen Corrigenda nicht verraten darf. 

Plant Riemenschneider eine politische Karriere?

„Es gibt in der Kirche in Deutschland zwei Strömungen, die uns lähmen, für das Gute zu kämpfen“, begründet Riemenschneider seinen politischen Tatendrang. „Die eine Strömung ist der Liberalismus, der dazu geführt hat, dass Kirchentage Parteiveranstaltungen der Grünen gleichen.“ Die andere Strömung, der Quietismus, sei allerdings genauso fatal. Er führe dazu, dass sich Christen von der Welt abwenden, ausschließlich auf das eigene Seelenheil konzentrieren, sich aus der Politik zurückziehen oder jedenfalls in politischen Debatten nicht mehr christlich argumentieren. „Aber Gott will, dass wir Christen uns in der Welt, in der wir gerade leben, für das Gute einsetzen. Ich glaube, dass Jesus sehr politisch war und immer noch ist.“

Ob er sich vorstellen könne, selbst ein politisches Amt zu übernehmen? „Ich habe keine Bestrebungen in diese Richtung“, antwortet Riemenschneider zunächst. Käme indes jemand auf ihn zu, etwa, wenn die AfD einst in Regierungsverantwortung gelangte, und böte ihm eine konkrete Aufgabe an, „dann würde ich mir das überlegen“. Als Beispiel für einen vorbildlichen christlichen Politiker nennt er den Niederländer Abraham Kuyper, einen reformierten Theologen, der Anfang des 20. Jahrhunderts Ministerpräsident seines Landes war.

Der Pastor ergänzt:

„Was ich mir wünsche, ist, dass wir einen gottesfürchtigen Bundeskanzler haben. Wenn der sagt: ‘Ich möchte einen christlichen Berater an meiner Seite haben’ – der Kanzler hat ja auch jetzt unzählige Berater –, dann würde ich das ausgesprochen gerne machen.“

Bundeskanzler ist ein gutes Stichwort. So wichtig es sei, die Politiker für politische Veränderungen zu gewinnen – „als ultimatives Ziel geht es um wahre Bekehrung, um Herzensveränderung“, hebt Riemenschneider hervor. Daher spiele das Gebet eine zentrale Rolle. „Jeder Christ ist durch die Bibel aufgerufen, für die Regierenden zu beten“, bekräftigt er und fährt fort: 

„Stellen wir uns einmal vor, alle Christen fingen an, für den Bundeskanzler und dafür zu beten, dass Gott ihn bekehrt. Wenn die ganze Kirche betet, glaube ich, gibt es eine gute Chance, dass Gott das tut. Stellen wir uns vor, wir hätten plötzlich einen wirklich bekehrten, wiedergeborenen Christen als Bundeskanzler. Was das für ein Segen wäre!“

Ohnehin geht bei allem Politisieren unter, dass Politik für Riemenschneider nicht an erster Stelle kommt. Den Sinn des Lebens sieht der Pastor darin, Gott zu erkennen und das gesamte Leben an Jesus Christus auszurichten. Daraus folge alles andere.

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Riemenschneider will Homosexualität in der Öffentlichkeit verbieten

Zwei heiße Fragen sind noch offen. Was denkt Riemenschneider über Homosexualität? Und was hat es mit seiner Skepsis beim Frauenwahlrecht auf sich?

Wie während der gesamten Unterhaltung eiert er auch bei diesen Fragen nicht herum oder wählt besänftigende Formulierungen, die nur noch entfernt mit dem Klartext zu haben, den seine Follower an den Videos schätzen. Die doppelgleisige Kommunikationsstrategie kennt man als Journalist zuhauf von Politikern oder anderen öffentlichen Personen, die auf den eigenen Kanälen gegenüber ihren Anhängern auf den Putz hauen, sich in Interviews gegenüber Dritten hingegen an den guten, gesellschaftlich akzeptieren Ton anschmiegen. Dass der Prediger dies nicht tut, ist ein weiterer Baustein seiner wachsenden Popularität. 

Riemenschneider legt dar: 

„In einer christlichen Gesellschaft, wie ich sie anstrebe, wäre das öffentliche Zurschaustellen von Homosexualität verboten. Ich würde nicht schauen, was die Leute zu Hause in ihrem Schlafzimmer tun. Aber öffentlich würde ich für Recht und Ordnung sorgen, auch zum Schutz der Kinder. Ich glaube, dass das Ausleben von Homosexualität nicht gottgewollt ist und den Menschen schadet.“ 

Öffentliche Veranstaltungen wie den Christopher Street Day (CSD) oder das Hissen der Regenbogenfahne gäbe es nach dem Willen des Pastors nicht mehr, ebenso müsse der Staat aufhören, LGBTQ-Ideologie und -Erziehungsprogramme zu fördern. Dass sich eine wachsende Zahl an gerade jungen Menschen als Transfrau oder -mann identifiziert, hängt in Riemenschneiders Augen damit zusammen, dass der Staat die Trans-Ideologie aktiv verbreitet und junge Menschen verwirrt. 

Weiter führt er aus:

„Menschen, die sich für trans halten, leiden enorm und brauchen unsere Hilfe. Aber die richtige Hilfe besteht nicht darin, ihnen Hormone zu geben oder die Geschlechtsorgane zu operieren. Diese Menschen benötigen christliche Seelsorge. Jemand muss sie dabei unterstützen, ihre Identität, die ihnen Gott gegeben hat, anzunehmen und auf gesunde Weise mit den Zweifeln umzugehen, die sie plagen.“

Wahlrecht? Frauen werden „in anderen Bereichen gebraucht“

Zum Frauenwahlrecht sagt der Prediger: „Frauen und Männer sind unterschiedlich. Gott hat ihnen unterschiedliche Aufgaben zugedacht.“ Frauen seien von Gott mit einem höheren Maß an Empathie ausgestattet worden, mit einem ausgeprägteren Wunsch, anderen zu helfen. Männer dagegen legten ihr Augenmerk auf Sicherheit und Gerechtigkeit.

„Ich glaube, dass diese männlichen Eigenschaften für politische Entscheidungen wichtiger sind, während die weiblichen Merkmale dringender in anderen Bereichen gebraucht werden. Deswegen denke ich, dass Frauen nicht wählen sollen.“ Dieser Schluss ergebe sich außerdem daraus, dass Männer der Wehrpflicht unterliegen, Frauen nicht. „Ich finde diese Ungleichheit bei der Wehrpflicht richtig. Es sind nicht die Frauen, die für die Verteidigung des Landes zuständig sind, sondern die Männer. Aber dann müssen auch die Männer mit ihrem Wahlrecht entscheiden, wann das Land in den Krieg zieht, nicht die Frauen.“ Eine Idee, die er für bedenkenswert erachtet, ist ein Familienstimmrecht, das vom Vater im Sinne aller Familienmitglieder ausgeübt wird. 

Das passive Wahlrecht für Frauen, also die Möglichkeit, sich für öffentliche Ämter zur Wahl zu stellen, würde Riemenschneider nicht abschaffen. Er wünsche sich zwar, dass es genug geeignete Männer für politische Ämter gäbe, sodass Frauen diese Aufgabe abgeben könnten. Solange dies jedoch nicht der Fall sei, brauche es kluge und kompetente christliche Frauen in der Politik. Als Beispiel nennt er die niedersächsische AfD-Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt, „die ich sehr schätze“. Behrendt ist einer breiteren Öffentlichkeit vor allen Dingen durch ihre vehemente Kritik an der LGBTQ-Ideologie bekannt.

Nicht nur Riemenschneiders Online-Gemeinde wächst

Abtreibung verbieten, Migrationswende einleiten, Islam zurückdrängen, Todesstrafe einführen, AfD an die Macht bringen, Homosexualität aus der Öffentlichkeit verbannen und Wahlrecht für Frauen einkassieren: Die Liste von Riemenschneiders kontroversen Standpunkten ist umfangreich. 

Oder sind seine Positionen gar nicht so kontrovers, wie sie auf den ersten Blick scheinen? Sind es vielleicht nur die vollkommen normalen christlichen Standpunkte, die in einer säkularen Gesellschaft verloren gegangen sind, die höchstens noch geprägt ist von einem Kultur- und Linker-Zeitgeist-Christentum? Das sieht zumindest der Pastor selbst so.

Der Erfolg seines kulturkämpferischen Ansatzes zeigt jedenfalls, dass seine Auffassungen nicht so abseitig sind, wie es der Mainstream vermutlich empfindet. Zumal sich die positive Resonanz Riemenschneider zufolge nicht auf die Online-Welt beschränkt.

Auch seine Gemeinde vor Ort in Oberursel wachse, „zwar moderat, aber stetig“, schildert er. Ganz überwiegend handle es sich bei den neuen Mitgliedern um Atheisten, die sich dank seiner Videos zum Glauben bekehrt oder den Weg dorthin eingeschlagen hätten. Das geht auch aus den Gesprächen hervor, die Corrigenda mit den Gemeindemitgliedern führen konnte, vor dem knapp zweistündigen Gottesdienst oder danach beim gemeinsamen Mittagessen mit Nudelsalat, Gemüseeintopf und vielen anderen Speisen, die die Gemeindemitglieder mitgebracht hatten.

2050: Entweder ein islamisches oder christliches Deutschland

Als wir nach unserem Interview die Hotellobby verlassen, sammeln Familien neben dem Parkhaus unter einer riesigen Baumkrone Kastanien. Pastor Tobias Riemenschneider macht sich nun ebenfalls auf den Weg zu seiner Familie.

Die „schönste Zeit des Tages“ sei für den Pastor die allabendliche Familienandacht. „Meine Frau, meine Kinder und ich kommen zusammen und ich lese eine Stunde lang aus der Bibel vor. Ich erkläre das Vorgelesene, meine Kinder stellen Fragen, die ich versuche zu beantworten.“ Manchmal fingen die Kinder auch an, eine eigene Geschichte zu erzählen, die „nichts mehr mit dem Bibeltext zu tun hat“, schmunzelt er. Am Ende der Bibelstunde spreche die Familie, einer nach dem anderen, die Kinder eingeschlossen, gemeinsam ein Gebet.

In was für einem Deutschland werden seine Kinder leben, wenn sie erwachsen sind? Wie sieht Deutschland 2050 aus? 

„Es gibt zwei Möglichkeiten“, entgegnet Riemenschneider auf diese letzte Frage:

„Die Deutschen müssen sich klarmachen, dass wir an einem Scheideweg stehen. Entweder ist Deutschland im Jahr 2050 ein islamischer Staat geworden und das geschrumpfte Christentum wird unter bestimmten Umständen geduldet. Christen müssen wahrscheinlich besondere Steuern zahlen, werden jedenfalls unterdrückt. Oder Deutschland wird ein christliches Land sein. Das heißt, die Kirchen werden wesentlich voller sein als heute. Es wird Sicherheit und Frieden geben. In den Schulen hängen Kreuze, zu Unterrichtsbeginn und -ende wird ein Gebet gesprochen. Die Regierung arbeitet tatsächlich daran, dass es keine Abtreibungen mehr gibt. Es gibt nur diese beiden Optionen: Ein islamisches Deutschland mit Scharia oder ein christliches Deutschland, das Jesus folgt. Was es sicher nicht mehr geben wird, ist unser heutiges gottloses linksliberales Deutschland mit Regenbogenfahne, CSD und Menschen, die in Hundefetischkostümen auf der Straße unterwegs sind.“

Lieber zu radikal als zu hasenfüßig

Zum Schluss ein letzter Gedanke zu den Gründen für Riemenschneiders Erfolg und eine Prognose. Womöglich versteht man den Zulauf zu ihm besser, wenn man seinen Stil, sein Auftreten, seine Rhetorik, seine mediale Strategie, nicht zuletzt seine Inhalte, wenn man als das kontrastiert mit den Amtskirchen. Als konkretes und junges Beispiel eignet sich der Fall Jens Spahn. 

Als im Juli durch einen Bericht der Bild-Zeitung bekannt wurde, dass sich der damalige CDU-Fraktionschef mittels Leihmutterschaft in den USA ein Kind gekauft hat, war die Empörung bei einer Vielzahl von Christen zu Recht massiv. Spahn musste nach wenigen Tagen als Fraktionsboss zurücktreten. Riemenschneider griff den Fall umgehend auf und prangerte Spahns Verhalten mit gewohnt klaren Worten an.

Was taten die Amtskirchen? Aus der EKD äußerte sich, soweit dem Autor dieses Textes bekannt, lediglich der baden-württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl kritisch – und auch das nur mit kräftig angezogener Handbremse und mit der Stoßrichtung, dass Spahns Kinderkauf vor allem deshalb problematisch sei, weil er damit das Vertrauen in die etablierte Politik schwäche und der AfD in die Hände spiele. Bei den Katholiken mischte sich mit Stefan Oster aus dem Bistum Passau ebenfalls nur ein Bischof in die Debatte ein. Osters Stellungnahme nahm sich immerhin offensiver aus als die seines protestantischen Pendants. 

Die zentralen offiziellen Organe der Amtskirchen schwiegen, im Fall der EKD, oder kleckerten, im Fall der katholischen Bischofskonferenz (DBK), mit einem peinlich dürren Statement von Prälat Karl Jüsten hinterher, als Spahn längst zurückgetreten war und die Debatte bereits abflachte. Immerhin setzte die DBK das Thema Leihmutterschaft bei ihrer Vollversammlung im September auf die Agenda.

Auch in anderen, ähnlichen Fällen schweigen EKD und DBK oder ihre Stellungnahmen fallen dermaßen blutleer aus, dass man den Eindruck gewinnen muss, sie wollten mit aller Macht jede Chance verstreichen lassen, den christlichen Glauben in die Bevölkerung zu tragen.

Einer beträchtlichen Zahl von jungen Christen und jungen konservativen Menschen, die zugänglich wären für den Glauben, hängt dieses Duckmäusertum zum Hals heraus. Viele wünschen sich das Kämpferische, das Akteure wie Riemenschneider verkörpern. Einzelne drastische Forderungen, die unter Umständen übers Ziel hinausschießen, nehmen sie in Kauf, weil das Gesamtpaket zählt. Lieber zu radikal als zu hasenfüßig.

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