Früh heiraten. Ganz vertrauen. Gemeinsame Ziele. Kernfamilie zusammenhalten
Dem großen brasilianischen Musiker Vinícius de Moraes (1913-1980) gelang schönste Lyrik mit den Worten, die wir heute meist abgewandelt aus dem Lied der Band Os Clones do Brasil kennen: „Que seja eterno enquanto dure esse amor“, also „diese Liebe sei ewig, solange sie währt“. Pessimisten wussten schon immer: „Nichts währt ewig“. Wer aber frisch verliebt ist, wird das nicht glauben, ist doch seine Liebe grenzenlos intensiv. Es steckt also der Wunsch nach Zeitlosigkeit in der Liebe.
Nüchtern betrachtet ist Liebe laut dem Lexikon Wikipedia
„ein starkes Gefühl, mit der Haltung inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person (oder Personengruppe), die den Zweck oder den Nutzen einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel durch eine entgegenkommende tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt.“
Wikipedia beschreibt also den Drang der Liebe nach Verbundenheit, die maximale Gemeinsamkeit sein will; wird sie ja oft genug mit dem Bestreben ausgedrückt, „mit dir eins sein“ zu wollen. Ähnlich ist auch der Wunsch, „mit dir alt werden“ zu wollen.
Während Wikipedia jedoch zum Verhältnis zwischen Liebe und Zeit schweigt, ist Vinícius de Moraes mit seinem Widerspruch zur Spach-Logik genauer: Weil Liebe auf Zeit nicht zu maximaler Verbundenheit führen kann, gehört dem wirklich Liebenden mit seinem Erlebnis der Ganzheitlichkeit auch das Erlebnis ihrer Zeitlosigkeit. Dem steht nicht entgegen, dass in unserem irdischen Leben später auch andere Zeit-Erlebnisse eintreten können.
Zeit und Jenseits
So erweist sich große Liebe als der Drang nach Aufhebung aller Dimensionen, die uns trennen. Das ist nicht nur das „3 D“ der räumlichen Dimension, sondern auch der nur in eine Richtung weisende Zeitpfeil als die vierte Dimension.
Doch auch die Zeit ist relativierbar: Noch meine Großeltern sprachen stets vom Tod als dem Moment, „da man das Zeitliche segnet“. Gemeint war damit die Überzeugung, dass der Mensch auch eine nach- oder wohl besser über-zeitliche Existenz hat – das zeitlose Jenseits. Logisch gesehen verschmelzen dort Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem einzigen, immerwährenden und absolut ganzheitlichen Moment. Individuelle Persönlichkeit würde dort durch Zeitlosigkeit „entgrenzt“ werden, aber keineswegs aufgelöst.
Das mag sehr abstrakt klingen, aber so, wie wahre Liebe als „unbeschreibliche“ Empfindung gilt, mag Zeitlosigkeit zwar einer konkreteren Beschreibung widersprechen, sie erlaubt aber doch gewisse gedankliche Annäherungen.
Sind theologische Aspekte der Liebe mathematisch beschreibbar?
Eine solche Annäherung bietet die Mathematik; für sie ist die vierte, fünfte oder jede beliebige höhere Dimension ein alltägliches und streng logisches Konzept, wie einfache Google-Recherchen bestätigen: Während wir uns räumlich nur drei Dimensionen (Länge, Breite, Höhe) vorstellen können und den Zeitpfeil als vierte Dimension dazurechnen, lassen sich Dimensionen mathematisch einfach als beliebige Anzahl unabhängiger Variablen (Koordinaten) beschreiben.
Mathematische Konzepte wie Vektoren, Matrizen oder Vektorräume funktionieren problemlos in fünften und noch höheren Dimensionen und bilden das Grundgerüst für moderne Algorithmen, Datenanalysen und die Quantenmechanik. Mathematiker können daher bestimmte Eigenschaften von höherdimensionalen Objekten berechnen. So wird ein vierdimensionaler Würfel als „Tesserakt“ bezeichnet – man kann zwar keine Modelle davon anfassen, aber seine mathematischen Eigenschaften (wie Volumen oder Oberfläche) exakt definieren.
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Das lässt mich vermuten: Wenn Zeit die vierte Dimension ist, kann dann Liebe die fünfte Dimension sein? Und für den, der an ein Jenseits glauben kann: Werden dann nicht auch einige theologische Aspekte der Liebe mathematisch beschreibbar?
Heute zeitlose Liebe als fünfte Dimension zu verstehen, erinnert an die Entwicklung der Perspektive in der Malerei des 15. Jahrhunderts: Diese Kunst blieb weiterhin zweidimensional, hat aber schon deutlich an der dritten Dimension gekratzt, also ein Teilverständnis ermöglicht. Hätte also Einstein Vinícius de Morais gekannt, hätte er womöglich ähnlich gedacht und seiner berühmten Formel zur Äquivalenz von Masse und Energie den Buchstaben L (für Liebe) hinzugefügt: E = m⋅c² / L.
Liebe hat die Chance – in christlicher Sicht sogar die Gewissheit –, im Jenseits als das einzig wahre Kapital zu gelten. Liebe, die man im Zeitlichen gegeben und empfangen hat – sie dürfte, ja muss auch in einem zeitlosen Jenseits zu spüren sein.
Christen dürfen sich glücklich schätzen
Von Liebe, Zeitlosigkeit und Jenseits ist es ein naheliegender Gedankensprung zu Jesus Christus: Gott und Mensch soll Er gewesen sein, nein, soll Er jenseits aller Zeiten immer noch sein, und dank Zeitlosigkeit war Er das im Jenseits schon vor seiner irdischen Geburt. Er war und ist doch die höchste vorstellbare Verkörperung von Liebe zu uns Erdenwürmern, die sich so gerne homo sapiens nennen.
Christen dürfen sich glücklich schätzen, schon zu Lebzeiten an der mathematisch fünften oder noch höheren Dimension teilzunehmen: wo sie in der Form von Brot Seinen Leib mit all’ Seiner Lieb zu sich nehmen.
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Liebe und höhere Dimensionen sind nicht vernunftwidrig, sie stehen über der Vernunft des homo sapiens. Glaubende und Ungläubige werden beide brauchen, um eine durch KI verstärkte Vernunft in menschenwürdigen Bahnen halten zu können.
Liebe möchte freilich nicht nur in höheren Dimensionen erlebt werden, sondern auch praktisch: Wenn ich also drei Punkte nenne, die uns ein langes Eheleben ermöglicht haben und die auch für junge Paare wert wären, beherzigt zu werden, dann kommen meine wichtigsten Erfahrungen wohl schon zu spät. Denn die jungen Paare, die ich adressieren könnte, haben offenbar eine wichtige Voraussetzung für ein harmonisches Eheleben bereits getroffen: die Partnerwahl. Zu dieser höchstpersönlichen Frage kann und will ich keine Tipps geben.
Drei persönliche Winke für ein harmonisches Ehe- und Familienleben
In dieser Hinsicht habe ich unglaublichstes Glück mit meiner Louise gefunden, wie ich jeden Tag dankbar feststelle. Sie wurde einst von ihrem Vater zum Verbessern ihres Deutsch aus Schweden nach Österreich geschickt, und ich war ihr dabei (bis heute) behilflich.
Mit der Partnerwahl hängt auch das Lebensalter zusammen, in dem man den „Bund fürs Leben“ schließt. Hier haben wir für heutige Begriffe außerordentlich früh geheiratet, meine Louise mit 21 und ich mit 27. Der Grund dafür war nicht unser Sohn (der kam zwei Jahre später), sondern unser Wunsch nach familiärer Harmonie, die wir bei unseren Eltern seit vielen Jahren vermissten: Louises Vater war beruflich jenseits des Atlantik tätig, ich selbst bin als Scheidungs-Waise aufgewachsen. Mit anderen Worten, die Reifung vom Jugendlichen zum „gestandenen“ Erwachsenen konnten wir gemeinsam durchleben.
Die drei Punkte würde ich so fassen:
- Totales Vertrauen in den Lebenspartner. Ohne das geht es nicht. Das Vertrauen muss freilich auch ständig gepflegt werden. Es ist Grundlage für die notwendige Rücksicht auf beiden Seiten, wenn ein Ehepartner seinen besonderen Interessen intensiv nachgehen will.
- Stark gelebter Verbund der Kernfamilie: Wo – wie bei Diplomaten – ständiger Ortswechsel notwendig ist, wird die eigene Familie zum absolut unersetzlichen zentralen Bezugspunkt, vor allem in der Beziehung beider Eltern zu ihren Kindern. Wir sind glücklich, das an die nächste Generation weitergegeben zu haben.
- Gemeinsame Grundzüge der Weltanschauung und sozialer Verantwortung sind wichtig. Dann spielen auch kleinere konfessionelle Unterschiede (wie bei uns) keine Rolle.
Und nun doch noch ein viertes Prinzip: Selbst-Relativierung durch Humor und Ironie. Es sollte auch außerhalb der Ehe gelten.
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