Allein ihnen fehlt der Glaube
Katharina S. geht gerne in die Kirche des kleinen Städtchens in Mittelhessen. Nicht nur, weil der Pfarrer der 63 Jahre alten Lehrerin, die recht gut Klavier spielt, zuweilen erlaubt, auf der Orgel zu spielen. Sie liebt die Stille und Aura dieses Gotteshauses, obwohl es, wie viele nach dem Krieg erbaute Kirchen, die kühle Nüchternheit relativ schmuckloser Betonbauten hat.
Zuweilen geht Katharina S. mit ihren zwei Enkeltöchtern sogar in die Messe, denn sie freut sich, dass auch die Mädchen in katholischer Tradition aufwachsen. Zudem liebt die gebürtige Rheinländerin die seit ihrer Kindheit zutiefst vertrauten Zeremonien und Rituale eines katholischen Gottesdienstes, das Wohlgefühl beim gemeinsamen Singen von Kirchenliedern, an Festtagen den Geruch von Weihrauch und die Wucht der Chöre, wenn das Gotteshaus bis zum letzten Platz gefüllt ist und alle singen.
Sogar das Vaterunser betet sie laut mit – dabei glaubt sie schon seit ihrer Jugend nicht mehr an Gott und Jesus Christus, hält katholische Moralvorstellungen für „unmenschlich“, ganz abgesehen von ihrem Widerwillen gegen Pomp und Patriarchat des Katholizismus, ihrer inneren Wut beim Gedanken an Skandale und Missetaten in der Kirche.
Katharina S. ist keineswegs allein. Die Zahl der Menschen mit einer tiefen inneren Bindung an ihre christliche Erziehung und ihr Elternhaus geht vermutlich in die Millionen, antworten doch ganz viele, die aus der Kirche austreten, dass sie „irgendwie“ doch noch christlich empfinden. Schon viele Jahre hört man solche Äußerungen von ehemaligen Katholiken oder Protestanten.
Grenzenlose Diversität des Glaubens
Studien in vielen Ländern bestätigen, dass manche, die aus der Kirche austreten, damit keineswegs ihren Glauben an Gott aufgeben. Viele von ihnen bejahen weiterhin christliche Grundwerte, noch dazu mit großer Verve.
Gleichzeitig gibt es viele eingetragene Kirchenmitglieder, die wenig oder keinen religiösen Bezug mehr haben. Lediglich 13 Prozent der Menschen in Deutschland bezeichneten sich bei einer repräsentativen, konfessionsübergreifenden Befragung im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) selbst als religiös. Das wären hochgerechnet knapp elf Millionen Menschen – zusammen haben römisch-katholische Kirche und EKD 37 Millionen Mitglieder.
Insgesamt existiert in den Ländern Europas eine fast grenzenlose religiöse Diversität: Das reicht von traditionellen Kirchenmitgliedern und konfessionslosen Christen über Menschen, die sich von Esoterik, mystischen Naturreligionen oder asiatisch inspirierten Selbstfindungspraktiken angezogen fühlen, bis hin zu überzeugten Atheisten und Agnostikern – und einer fast überall wachsenden Zahl von Muslimen.
Als „Privatisierung des Glaubens“ kritisieren manche Theologen diese Entwicklungen in den westlichen Industriestaaten, weil die Motive zu exotischen oder individuell konzipierten Glaubenskonzepten überwiegend egozentrisch und konsumorientiert geprägt seien. Der Religionswissenschaftler Hubert Knoblauch betrachtet die unzähligen Formen dieser spirituellen Konzepte ohne konfessionelle Bindung als die „unsichtbare Religion“ (PDF), die sich meist am persönlichen Wohlbefinden orientiert und sehr viel weniger, wenn überhaupt, an Nächstenliebe und kollektiver Verantwortung.
Glaubensfragen und Religiosität haben auch in unserer weitgehend säkularisierten Welt wenig von ihrer Bedeutung verloren, nur der Rahmen hat sich deutlich verändert, die Rolle der Kirchen deutlich abgenommen (PDF). Die zunehmende Herausforderung durch den Islam in Gesellschaften mit Millionen Migranten aus anderen Kulturkreisen gehört gleichsam zum Hintergrund der neuen Aktualität von Glaubensfragen.
Kulturchristen: Werte ohne Religion, Religion ohne Glauben
Dabei bleibt das Christentum – nicht zuletzt auch wegen der tiefen Identitätskrisen im traditionell christlichen Europa – von enormer Bedeutung, wenngleich zu einem guten Teil außerhalb der Konfessionen. Schon lange spricht man von „Kulturchristen“, um Menschen mit christlicher Prägung ohne kirchliche Bindung zu beschreiben.
Kulturchristen schätzen allgemein Traditionen und Riten der Kirche, verehren christliche Kunst und Musik, lassen ihre Kinder taufen, sprechen häufig auch ein Gute-Nacht-Gebet, feiern Weihnachten und Ostern. Diese eigenwillige Form christlichen Lebens kennt sehr viele Varianten. Doch es lässt sich eine klare Scheidelinie zwischen zwei grundsätzlichen Formen des Kulturchristentums ziehen.
Auf der einen Seite sind es Menschen, denen es wichtig ist, sich explizit zu christlichen Wurzeln und Grundwerten zu bekennen; einen Bezug zu Kirche, Religiosität und Glauben aber haben sie nicht, auch wenn sie sich auf die kirchlichen Riten bei den Lebensereignissen wie Geburt, Hochzeit und Tod einlassen. „Christentum ohne Religion“ ist eine weit verbreitete Einstellung, vor allem in protestantisch geprägten Ländern.
Gesellschaft braucht gemeinsame Rituale und Feste
Andererseits gibt es viele Menschen, die davon überzeugt sind, dass Religion und Glaube, oft sogar auch die Kirchen, eine enorme Bedeutung für Menschlichkeit und friedfertiges Miteinander, für das Funktionieren und die Stabilität einer modernen Gesellschaft haben. Allerdings sind leben sie ohne den Glauben an Gott, an die Auferstehung Jesu und das Evangelium.
Dieses „Christentum ohne Glauben“ findet sich vor allem in den Eliten. Gerade in der jüngeren Vergangenheit haben Intellektuelle, Wissenschaftler und Schriftsteller, aber auch Politiker und Spitzenmanager zu dieser Einstellung gefunden.
Katharina S. gehört zu jenen Zeitgenossen ohne kirchliche Bindung, die nicht nur an christlichen Werten festhalten, sondern auch von der gesellschaftlichen Bedeutung von Ritualen und Festen und einem Mindestmaß an Religiosität überzeugt sind. Auch bei der Kindererziehung und im Blick auf den Zusammenhalt in der Familie über die Generationen hinweg.
„Ich würde so gerne glauben, aber ich kann es einfach nicht“
Den Glauben an Gott hat die Lehrerin für Deutsch und Französisch schon als Jugendliche verloren. „Ich würde gerne glauben, aber ich kann es einfach nicht“, sagt sie lächelnd und vielleicht auch etwas ratlos. „Religion ohne Glauben“ ist sicher nicht die einfachste Art der Weltanschauung. Erstaunlicherweise ist diese ungewöhnliche Sichtweise aber Teil zahlreicher aktueller Debatten mit enormer gesellschaftspolitischer Bedeutung.
So bekennt sich beispielsweise der neomarxistische Philosoph Slavoj Žižek zu einem „christlichen Atheismus“ und so lautet auch der paradoxe Titel seines jüngsten Buches. In eigenwilliger Dialektik deutet er das Christentum nicht als klassische Heilslehre, sondern als dramatische „Entleerung“ des Göttlichen, die den Menschen in radikale Verantwortung entlässt und ihm eine „subversive Kraft“ verleiht – gegen den liberalen Individualismus des Kapitalismus ebenso wie gegen autoritäre Ideologien.
Das Christentum wird ein brisantes Topthema der Politik
Früher war das Kulturchristentum meist ein Thema für reflektierte, aufgewühlte Menschen, die aus ihrer Kirche ausgetreten waren, sowie für Schriftsteller und Wissenschaftler; zudem gab es über die Frage, ob es Christentum ohne Kirche oder ohne Glauben geben könne, schon immer teilweise heftige und emotional geführte Debatten unter Philosophen und Theologen.
Inzwischen aber scheint es in vielen westlichen Ländern eine wahre Renaissance des Kulturchristentums zu geben, zudem eine scheinbar widersprüchliche Entwicklung in den Kirchen. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt in Europa weiter ab, getrieben durch Austritte und den demografischen Wandel.
Gleichzeitig verzeichnen die Kirchen in Frankreich, England, Belgien und Deutschland erstmals seit Jahren wieder vermehrt Eintritte, vor allem von jungen Menschen. Diese neue, für viele überraschende Bewegung gegen den historischen Trend der letzten Jahrzehnte reicht allerdings bei weitem nicht aus, um den Mitgliederschwund auszugleichen.
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Diese Entwicklungen erklären sich vor allem mit der Heftigkeit und der Brisanz zweier großer Konflikte in weiten Teilen der Welt. Zum einen spalten die aktuellen Kulturkämpfe in den demokratischen Ländern – vereinfacht beschrieben zwischen linken und rechten Gesinnungen – immer stärker die Gesellschaft; zum anderen prägt auch der „Kampf der Kulturen“ die Konflikte und Auseinandersetzungen in einer instabil gewordenen Welt.
Dabei wird das Christentum immer stärker auch ein brisantes politisches Thema – wobei das erstaunlicherweise in den Kirchen selbst oft gar nicht richtig wahrgenommen wird. Insbesondere die These konservativer Denker, das christliche Abendland werde massiv von einem offensiven Islam herausgefordert, stößt in den Kirchen auf viel Misstrauen.
Die Befürchtung der Kirchen ist, dass sich hinter einer solchen Beschreibung eine fremdenfeindliche, rassistische und die Gesellschaft spaltende rechte Ideologie verbirgt. Dagegen positionieren sich EKD und Deutsche Bischofskonferenz (PDF) immer wieder deutlich. Nüchtern und objektiv lässt sich aber festhalten, dass das Christentum mit einer Reihe von gravierenden Problemen konfrontiert ist und gleichzeitig eine unerwartete Relevanz in den aktuellen Diskursen gewonnen hat.
„Menschenrechte sind gottgegeben“
Vor allem in den USA ist schon seit vielen Jahren die historische Bedeutung und der Wertekanon des Christentums zu einem der Kernthemen des politischen Alltags geworden. US-Präsident Donald Trump hat sich spätestens seit Beginn seiner politischen Karriere vor etwa zwölf Jahren pointiert und zuweilen fast provozierend als Christ und Verteidiger des christlichen Erbes positioniert.
„Um eine große Nation zu sein, braucht man Religion, und man braucht Gott“, so der 79-Jährige, der früher vor allem als knallharter Immobilien-Tycoon und Lebemann Schlagzeilen machte. „Wir wollen Gott wie nie zuvor zurück in unser wunderschönes Amerika bringen“, betonte Trump im vergangenen September.
„Unsere Rechte stammen nicht von der Regierung, sondern von Gott“, sagt der wohl mächtigste und umstrittenste Mann der Welt und legt damit ein verblüffend klares Bekenntnis zu einer transzendentalen Begründung unveräußerlicher Menschenrechte ab. Der US-Präsident, in einer presbyterianischen Familie aufgewachsen, gehört zu den eher seltenen Politikern, die sich deutlich als gläubige Christen definieren, aber ohne einer Kirche anzugehören.
Auch sein Vizepräsident, J. D. Vance, der 2019 zum katholischen Glauben konvertiert war, steht für ein sehr stolzes christliches Sendungsbewusstsein. Der Republikaner begründet sein gesamtes politisches Engagement grundsätzlich mit seiner Liebe zur christlichen Botschaft.
Kanzler Merz will als gläubiger Christ Politik betreiben
Solche Bekenntnisse hört man von Politikern in Europa eher selten. Bis vor kurzem waren es höchstens Außenseiter wie der gerade abgewählte Ministerpräsident Ungarns, Victor Orbán, oder – höchst irritierend – der russische Präsident Wladimir Putin, die sich oft und offensiv zu Verteidigern des Christentums erklärten.
Für manche überraschend legt auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) legt ein Bekenntnis zum Christentum ab, das selbst in seiner „christdemokratischen“ Partei keineswegs selbstverständlich ist. Seit seinem Amtsantritt im Mai 2025 hebt er das christliche Menschenbild verstärkt als ethisches Fundament seiner Politik in einem Maße hervor, wie man das in Deutschland von der Regierung seit Helmut Kohl nicht mehr gehört hat.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, von Gegnern und Medien fälschlicherweise oft als Neofaschistin diffamiert, verweist immer wieder auf ihre Verwurzelung im Christentum. Sie verteidigt christliche Glaubensinhalte auch im politischen und gesetzgeberischen Handeln und prangert Säkularisierung als eine der Wurzeln der modernen Krise des freien Westens an.
Führende westliche Politiker, die sich offensiv zum christlichen Glauben bekennen, sind aber nach wie vor eine kleine Minderheit. Zwar gehört ein Bekenntnis zu christlichen Werten zum Standardrepertoire vieler politischer Reden, aber die meisten Politiker in Europa gehören mehr oder weniger bewusst zum großen Kreis der Kulturchristen. So bezeichnet sich der französische Präsident Emmanuel Macron selbst als „agnostischen Katholiken“, was eigentlich ein Widerspruch in sich ist.
Schriftsteller und Philosophen ohne Kraft zum Glauben
Die wachsende Bedeutung des Kulturchristentums liegt vor allem daran, dass seit mehreren Jahren immer mehr prominente Wissenschaftler und Intellektuelle das Christentum preisen, obwohl ihre Arbeiten und Werke als religions- und kirchenfern gelten. Den allermeisten geht es dabei wie Katharina S. und Millionen anderer Menschen: Sie sehnen sich nach dem Glauben, haben aber offenbar nicht die Kraft dazu.
Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, einer der weitsichtigsten und scharfsinnigsten Chronisten des europäischen Niedergangs, definiert diesen weniger als Folge missratener Politik als mehr mit dem Verlust von Sinngebung, Glauben und kultureller Identität. In Romanen wie „Unterwerfung“ beschreibt er die spirituelle Erschöpfung Frankreichs als wesentliche Ursache für die Islamisierung des Landes (PDF).
Friedrich Nietzsche, der vor 200 Jahren „Gott ist tot“ verkündete und verächtlich vom Christentum als „Religion der Schwachen“ schrieb, wäre heute „vielleicht der Erste (...), der eine Erneuerung des Katholizismus wünschen würde“, schreibt Houellebecq. Der große deutsche Gottesleugner würde heute „einsehen, dass die ganze Kraft Europas in jener ‚‘Religion der Schwachen’ begründet war und dass Europa ohne sie verloren ist“.
Nostalgische Sehnsucht nach der Kraft des Glaubens
Diese Einschätzung ist deshalb erstaunlich, weil Houellebecq seit seiner Jugend erklärter Atheist ist. Mit den Jahren hat sich sein Verhältnis zum Christentum aber von schroffer Ablehnung hin zu einer nostalgisch gefärbten und trotzdem rationalen Wertschätzung gewandelt. Er ist überzeugt, dass Europa ohne die ordnende, stabilisierende Kraft des Glaubens und der Kirche schutzlos konkurrierenden Ideologien und Religionen ausgeliefert ist. In tiefem Pessimismus sieht er, dass das Christentum in Europa dem Islam weichen wird.
Trotz aller Wertschätzung des Christentums und intensiver Bibelstudien erreicht der oft zynisch und bitter wirkende Autor nicht das rettende Ufer des Glaubens. Strikte, kühle Rationalität und die Metaphysik der Religion gehen nicht gut miteinander. Es ist das Dilemma aller, die gerne glauben möchten, ohne es zu können.
Das Problem haben keineswegs nur Geistesgrößen und Wissenschaftler. Die Erfahrung des „Nicht-Glauben-Könnens“ teilen sie mit Millionen und Abermillionen Menschen im klassischen Abendland. Eine schlüssige Antwort, wie der aufgeklärte Mensch mit dem Wissen über Urknall, Millionen von Galaxien und der Darwin’schen Evolutionstheorie zu einem schlichten Glauben an etwas Überirdisches, Transzendentales finden kann, scheint es außerhalb theologischer Kreise nicht zu geben.
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Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813–1855) sprach schon vor fast 200 Jahren von einem „Glaubenssprung“, der nötig sei, um auch ohne rationale Herleitung, ohne Logik und Beweise, gläubig zu sein. Dieses „Wagnis“ könne nur mit dem Vertrauen auf Christus erfolgreich sein, man könnte flapsig formulieren: mit blindem Vertrauen.
Der Begriff des „Kulturchristentums“ war zu Kierkegaards Zeit noch nicht bekannt, aber seine Kritik an den Realitäten der damaligen dänischen Staatskirche und der Gesellschaft zielt genau in diese Richtung: Ein Christentum, das lediglich als kulturelles Erbe zu einer bürgerlichen Konvention verkommen sei, habe mit dem wahren Glauben, einem „existenziellen Wagnis“, wenig zu tun, sei ein „Verrat“ am Christentum.
Späte Einsicht der Atheisten: Ohne Glauben geht es nicht
Heute allerdings setzen viele, die sich um die Zukunft eines abendländisch geprägten, freiheitlichen und demokratischen Europas sorgen, auf eine Renaissance des Christentums, selbst wenn sie nur zu einer stabilisierenden, kulturellen Identität des Einzelnen wie der Gesellschaft und der Nation gerinnt.
Der 70-jährige Houellebecq repräsentiert am klarsten die vielleicht schon zu späte Erkenntnis zumindest in Teilen der europäischen Eliten, dass auch in Zeiten fast selbstverständlicher Entchristlichung, einer globalisierten und vernetzten Welt, zunehmender Dominanz digitaler Welten und Künstlicher Intelligenz, der Verlust der altmodischen, verstaubten, scheinbar aus der Zeit gefallenen Kirche und ihrer Botschaft verheerende Folgen für unsere Welt haben könnte. Der französische Schriftsteller ist keineswegs allein mit seinen späten Einsichten.
Das verzweifelte Ringen des Jordan Peterson
Kaum jemand außerhalb der Kirchen scheint verzweifelter und glaubwürdiger mit dem christlichen Glauben zu ringen als der kanadische Psychologe Jordan Peterson. Er hat jüngst sogar einen dicken Wälzer mit dem Titel „Gott“ verfasst, in dem er die Protagonisten, die Geschichten und Gleichnisse der Bibel psychologisch und kulturell deutet.
Dabei glaubt Peterson, ewige, unveränderbare Wahrheiten für den Menschen im Umgang mit Leid, Schuld und Verantwortung zu erkennen, quasi gottgegebene, ewige Offenbarungen – aber ohne Zusammenhang mit einem wahrhaftigen, wirklichen, handelnden Schöpfergott.
Der weltweit populäre Bestseller-Autor ist allerdings selbst sehr skeptisch gegenüber den modernen Versuchen, christliche Traditionen und Lehre zu modifizieren, aber das Christentum dennoch zu bewahren. Ein „Glauben ohne Religion“, gottesbezogene Spiritualität losgelöst von christlichen Traditionen, könne es nicht geben, schreibt Peterson.
Noch funktioniere eine „Religion ohne Glauben“ oder eine „Religiosität ohne Glauben“, also eine bloß kulturelle Zugehörigkeit ohne existentielle Bindung, ein „Christentum light“, wie das Kulturchristentum oft kritisiert wird. Religion habe nur dann Gewicht, wenn sie das Handeln präge, wenn sie Opfer verlange, wenn sie ernst genommen werde, meint der populäre, wortgewaltige Kanadier – der damit wieder gedanklich bei Kierkegaard landet.
Hemmschwelle zum Glauben: Akzeptanz des Transzendentalen
Er vermeidet es schon lange, sich, wie früher einmal, als Atheisten zu beschreiben; allerdings scheut er auch ein Bekenntnis zum Glauben. „Ich handle so, als ob Gott existierte – und ich habe Angst davor, dass er es vielleicht tut“, sagte er 2018 in einem Interview der BBC. der Wissenschaftler tut sich trotz aller Hochachtung vor dem Christentum erkennbar schwer mit der wohl zentralen Hemmschwelle des modernen Menschen zum Glauben: der Akzeptanz des Transzendentalen.
Auch der Technologie-Pionier und reichste Mann der Welt, Elon Musk, ist einer der vielen modernen Kulturchristen. Er sei nicht religiös, aber er glaube „fest an die Prinzipien des Christentums und der Vergebung ... Ich glaube, dass die Lehren Jesu gut und weise sind. Es liegt eine enorme Weisheit darin, die andere Wange hinzuhalten.“
Der Milliardär, der bisher vergeblich und ohne viel politische oder öffentliche Resonanz auf die Gefahren einer Gesellschaft mit niedriger Geburtenrate aufmerksam macht, setzt gerade in dieser Frage auf das Christentum. Es könne wesentlich zu einer „pronatalistischen Gesellschaft“ beitragen, in der der politische, wirtschaftliche und kulturelle Rahmen für eine höhere Geburtenrate und Kinderreichtum sorge.
Elon Musk: Nur das Christentum kann die Kultur retten
Christlicher Glaube ist in den Augen Musks eher ein Instrument, die demografischen Fehlentwicklungen in der westlichen Welt umzukehren, um einen Kollaps der Sozialsysteme und einen Verlust an Innovationskraft zu verhindern. „Ich bin ein großer Verfechter der Prinzipien des Christentums. Ich denke, sie sind sehr gut. Wenn eine Kultur ihre Religion verliert, beginnt sie, geburtenfeindlich zu werden und an Zahl abzunehmen, um schließlich ganz zu verschwinden.“ Das Christentum könnte noch am ehesten als Fundament einer zutiefst westlichen Zivilisation dienen.
Musks religiöse Vorstellungen ähneln denen von Richard Dawkins, einem der wohl bekanntesten Atheisten der Gegenwart. Auch der britische Evolutionsbiologe hat in den letzten Jahren sichtlich einen Wandel durchgemacht: Statt wie früher vehement Religionen als irrational und als Aberglauben zu verdammen, äußert er sich seit geraumer Zeit immer respektvoller und positiver über das Christentum.
Atheist Dawkins schockiert über Ausbreitung des Islam
Er wünsche sich keineswegs ein Ende der christlichen Traditionen in England und in der westlichen Welt, betont Dawkins; „irgendwie“ fühle auch er sich „im christlichen Ethos zu Hause“. Eine Erklärung ist vermutlich auch seine wachsende Sorge über die Ausbreitung des Islams in Europa: Er sei „erschrocken gewesen“, welche Präsenz der Islam in England gewonnen habe, sagte er in einem LBC-Interview im April 2024.
Dawkins sieht im Islam die größte Bedrohung für die liberalen Werte des Westens, wobei das Christentum ein „Bollwerk gegen den Islam“ spielen müsse. Der christliche Glaube sei zwar so falsch wie alle Religionen, aber er sei auch dank der Aufklärung im Gegensatz zum dogmatischen Islam kompatibel mit den Werten wie Gedankenfreiheit, Emanzipation und der strikten Trennung zwischen Staat und Kirche. Das Christentum sei eine „gutartige Religion“ und zivilisatorisch sehr wertvoll.
Gott als Schöpfer – aber ohne Präsenz in der Welt
Dawkins wie Musk haben eine vage, transzendentale Vorstellung von der Schaffung der Welt, allerdings wirkt sich demnach diese Gottesexistenz in keiner Weise auf das Leben der Menschen aus. Die Gottesvorstellung der christlichen Offenbarung hat darin keinen Platz.
Dieser „deistische“ Schöpferglaube erkennt zwar eine göttliche Hand bei der Entstehung des Universums und ihrer Naturgesetze, verneint aber einen Gottesbezug zum Menschen und zur Geschichte der Menschheit. Demnach hat Gott das Universum geschaffen – und ist dann nicht mehr in Erscheinung getreten.
Nicht die Heilige Schrift und das Evangelium sind aus dieser halbatheistischen Sicht die Leitlinien, sondern die menschliche Vernunft. Dawkins sagt explizit, dass er das Christentum als so etwas wie ein „kulturelles Betriebssystem“ einer stabilen, liberalen Gesellschaft mit westlichen Werten betrachtet.
Ohne spirituelle Wurzeln droht der „Selbstmord Europas“
Schon vor einem Jahrzehnt hat der britische Publizist Douglas Murray die schwindende Präsenz des Christentums mit dem drohenden „Selbstmord Europas“ in dem gleichnamigen Buch verknüpft. Die westliche Zivilisation könne ohne ihre spirituellen Wurzeln, ohne das jüdisch-christliche Erbe nicht überleben, lautet der Tenor in den Schriften Murrays, der sich ausdrücklich selbst als Kulturchristen bezeichnet.
Trotz aller Bedeutung der klassischen Antike und der Aufklärung ist nach seiner Ansicht das Christentum die Hauptquelle der europäischen Grundwerte und Traditionen und damit das Fundament des modernen Abendlandes. Murray verweist auf manche gefährlichen Schattenseiten einer säkularisierten Gesellschaft, in der nicht nur die religiöse Bindung vieler Menschen, sondern auch der Respekt vor Glauben und Kirchen drastisch gesunken sei.
Die demonstrative Ablehnung des Glaubens, die wissenschaftliche ebenso wie die volkstümliche Kritik an den Wahrheitsansprüchen der Religion und an den Kirchen hat nach Ansicht des Publizisten letztendlich eine selbstzerstörerische Wirkung entfaltet. „Solange die Nichtreligiösen nicht in der Lage sind, mit der Quelle, aus der ihre Kultur stammt, zu arbeiten, anstatt gegen sie, ist ein Ausweg kaum zu erkennen.“
Die Aufgabe des Christentums endet im Nihilismus
Eine konsequent säkular-atheistische Weltanschauung, die Leugnung jeglicher transzendenten Bedeutung für den Menschen habe schließlich zu „kultureller Verzweiflung“ geführt, die Aufgabe des Christentums in einen für die Zivilisation fatalen Nihilismus, meint Murray. „Wenn Menschen aufhören, an Gott zu glauben, glauben sie nicht an nichts – sie glauben an alles“, hatte einst sein Landsmann, Schriftsteller und Journalist G. K. Chesterton, formuliert.
Folgt man der Argumentation Murrays, müsste einer wie er konsequenterweise für sich den Schoß von Glauben und Kirche suchen. Das allerdings geschieht nicht; er erklärt mit seinem demonstrativen Respekt vor dem Christentum nur unzureichend den Widerspruch, sich selbst als Ungläubigen zu definieren, die Abwendung vom Christentum aber als Gefahr für die westliche Kultur zu erkennen.
Auch Murrays Beschreibungen der Krisen, Umbrüche und Verunsicherungen der westlichen Welt künden, insbesondere angesichts einer gleichzeitigen technologischen Revolution von überwältigender Dimension, von dem Ende einer Epoche – mit Sicherheit für das Abendland, ziemlich wahrscheinlich für die ganze Welt.
Religion und Glaube an der Schwelle einer neuen Epoche
Es ist naheliegend, dass in solch historischen Zeiten grundsätzliche Fragen nach Religion und Gott, Glauben und Gewissen eine kaum noch erwartete Aktualität, Brisanz und Modernität bekommen. Inzwischen hat sich die Einsicht in Politik, Wissenschaft und Kultur immer mehr verbreitet, dass die Bewahrung von Demokratie, Freiheit und der westlichen Werte kaum ohne den christlichen Boden auskommen kann.
Allerdings reift unter europäischen Intellektuellen auch die Erkenntnis, dass das Kulturchristentum, die scheinbar brillante, moderne Alternative zum traditionellen religiösen Fundament, weit weniger tragfähig ist als erhofft. Es reicht vermutlich nicht, lediglich Hüter humaner Werte zu sein, sich sozialem Handeln zu verpflichten, der Kirche und der Religion die Plätze als Zeremonienmeister gemeinsamer Festtage wie Weihnachten und Ostern sowie bei den Ritualen rund um Geburt, Hochzeit und Tod zuzuweisen.
Keine Verteidigung des Abendlandes ohne das Christentum
Die Verteidigung des Abendlandes ohne die Lebendigkeit des Christentums in seiner ganzen Bedeutung für den einzelnen und die ganze Gesellschaft ist schwer vorstellbar. Weder kann es ein Christentum ohne Religion geben noch eine Religion ohne Glauben. Eine Erkenntnis, auf die Papst Benedikt XVI. schon vor Jahrzehnten als Vorsitzender der Glaubenskongregation, damals noch als Kardinal Joseph Ratzinger, hinwies.
Das „Salzwasser der (Glaubens-)Zweifel aus dem Ozean der Moderne“ werde dem gläubigen Menschen ständig in den Mund gespült, der Zweifel sei ein „unvermeidliches Dilemma des Glaubens“, denn niemand könne einen zwingenden Gottesbeweis liefern, schrieb er in der „Einführung in das Christentum“. Der christliche Glaube bleibe ein „Mut zum Sein“.
Katharina S. ist es nicht schwergefallen, ihr christlich geprägtes Menschenbild, ihr Bekenntnis zu Nächstenliebe, Friedfertigkeit und Menschlichkeit, ihr Verantwortungsgefühl für andere in ihr Leben zu integrieren. Aber es ist sehr fraglich, ob das, was dem Einzelnen vielleicht gelingen mag, christliche Tugenden und Werte zu leben, auch auf die ganze Gesellschaft übertragen werden kann.
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Die Scheidelinie zwischen Christen und allen anderen, die sich in irgendeiner Weise zum Christentum bekennen, befindet sich wohl in der Akzeptanz der Transzendenz des Glaubens. Wer also das Abendland retten möchte, dem wird wohl jede Form des Kulturchristentums kaum wirklich helfen können. Dabei können jene, die das Abendland retten wollen, einer Rückendeckung durch die katholische Kirche nicht gewiss sein.
Die Deutsche Bischofskonferenz warnte kürzlich vor einer missbräuchlichen Verwendung des Begriffs vom christlichen Abendland als politischem „Kampfbegriff“, um eine Ausgrenzung von Nichtchristen zu rechtfertigen. Europa sei zwar historisch vom Christentum geprägt, aber wichtig seien heute vor allem Vielfalt, Demokratie und gemeinsame Werte, heißt es in dem Schreiben.
„In Europa und den USA setzen rechte und rechtspopulistische Kräfte vielfach auf christliche Rhetorik und christliche Symbolik“, um den Kampf gegen Zuwanderung und liberalere Entwicklungen zu rechtfertigen, meinen die katholischen Bischöfe.
Das Schreiben belegt eher ungewollt die schwierige Lage in der westlichen Welt, die tiefen Konflikte und die unübersichtliche, widersprüchliche Interessenlage im christlichen Abendland heute.
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Kommentare
Mitten im Text wird augenscheinlich der Name "Dawkins" durch "Darwin" ersetzt. War das beabsichtigt?