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Was uns verführt und geprägt hat

Generation Modern Talking

Genauso wie es DDR-Nostalgiker gibt, gibt es auch BRD-Nostalgiker (zu denen der Autor dieser Zeilen sich mit einem Augenzwinkern zählt). Also Zeitgenossen, die die schöne, geordnete, saubere Alt-Bundesrepublik vermissen, das scheinbar gute alte Deutschland, wo Helmut Kohl Bundeskanzler war, unsere Autoindustrie brummte und Modern Talking auf Platz 1 stand. Wo die Mauer und Pershing II uns die Kommunisten vom Halse hielten. Hamburg in den Achtzigern: Paradies der Erinnerung! „Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!“

Denn die Wahrheit ist, dass der Keim des Niedergangs damals schon längst gesät war. Die Einfamilienhäuser der ordentlichen, sicheren Wohlstandswelt waren auf Sand gebaut. Die breite Masse hat es nur nicht gemerkt, die Kräfte der Zersetzung hatten leichtes Spiel. Die ging nicht mittels Raketen und Panzer vonstatten, sondern durch schleichende Unterwanderung und setzte bei unseren menschlichen Schwächen an. Eine Kulturrevolution über Umkodierung der Sittlichkeit eines Volkes.

Zerbrechende Familien, Scheidungen und ungewollte Kinderlosigkeit durch fehlenden Partner gab es damals zwar nur vereinzelt, jedenfalls der Beobachtung nach. Über die krass niedrige Geburtenrate und die Auswirkungen in der Zukunft gab es ab und an kurzlebige Debatten. „Sterben wir Deutschen aus?“ Aber dieses Thema war schon damals nicht gängig und verschwand wieder.

Für uns Kinder und Jugendliche war es eine heile Welt, und Zustände wie in unserem heute sittlich-moralisch total auf den Hund gekommenen wiedervereinigten deutschen Vaterland lagen jenseits unserer Vorstellungswelt.

Schönes Stadtbild: Die Spitalerstraße in Hamburg im Jahre 1974

In jüngerer Zeit wird in christlich-konservativen Kreisen viel gewarnt vor der Frühsexualisierung von Kindern durch die Gender-Ideologie und den verstümmelnden Trans-Kult. Aber das Phänomen der Frühsexualisierung war nicht neu – es lief schon lange subkutan über die Popkultur. Dass unser Volk heute so ist, wie es ist, hat Gründe.

Der Siegeszug der Beatles durch die westliche Hemisphäre hatte die Emotionen der Jugend schon aufgepeitscht. Elvis Presleys Performance in den fünfziger Jahren, bei der das Fernsehen ihn wegen seiner „anzüglichen“ Beckenbewegungen teils nur ab der Taille aufwärts filmte, gilt als Urknall der sexuellen Verführung im Rock’n’Roll. Doch während Elvis und die (weiße) Rockmusik zum Synonym für sittliche Unanständigkeit wurden, ging es in den (schwarzen) Blues-Songs, aus denen sie ihre Inspiration schöpften, weit derber und vulgärer zur Sache.

Der Angriff richtete sich in jedem Fall gegen die überlieferte christliche Zivilisation und Ordnung, konkret: gegen die Geordnetheit der Sexualität in der Ehe.

Überwältigung durch Gefühle, Förderung von Enthemmung und Schamlosigkeit: das war die Methode. Die Beispiele sind Legion. Achtziger-Jahre-Spielfilme machen es vor: Ein Pärchen lernt sich kennen, verliebt sich, und schon geht es miteinander ins Bett.

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„Die Studentin“ mit Sophie Marceau in der Hauptrolle ist so ein Beispiel, 1989 kam der Streifen aus Frankreich in die westdeutschen Kinos: Ein Typ verliebt sich in eine laszive Studentin, und das Rendezvous mündet in einer Sexnacht, wovon der Film ziemlich viel zeigt – er lief trotz der expliziten Szenen ohne jede Altersbeschränkung.

Ein Wiedersehen der Lover ergibt sich nur durch Zufall, überhaupt ist nichts zwischen den beiden abgemacht, ihre unterschiedlichen Lebensumstände lassen ein Gelingen ihrer Liebe unwahrscheinlich erscheinen. Die sich anschließende Fernbeziehung führt zu Stress und Eifersucht und verhindert ein wirkliches Einanderkennenlernen, und die Promiskuität des Liebhabers ist dann nur noch folgerichtig, hatte er doch schon mit der titelgebenden Studentin gezeigt, dass er nie gelernt hat zu warten.

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Im berühmten Kinokassenschlager „Dirty Dancing“ mit Patrick Swayze und Jennifer Grey von 1987 tanzen die beiden Helden „Baby“ Houseman und Johnny Castle erst intim miteinander, bevor es dann zu ihrer ersten gemeinsamen Liebesnacht kommt.

Der Streifen ging noch weiter, denn er thematisierte die nahezu unvermeidliche Folge von Gelegenheitssex – eine ungewollte Schwangerschaft – und promotete die Abtreibung als ultimative, humane Lösung. Ein Engelmacher verpfuscht den Abbruch bei Penny, bevor dann der Vater von Baby, ein Arzt, die Freundin medizinisch gesehen gut versorgt. Also alles super? In Wirklichkeit eine moralische Bankrotterklärung.

Thomas Anders (li.) und Dieter Bohlen als Modern Talking bei einem Auftritt im Dezember 1985

Nicht anders in der Popmusik. Als erstes Beispiel Modern Talking, weil jeder es kennt und es der Sound der Achtziger schlechthin war: tanzbarer Eurodisco, einfache Texte voller Klischees in schlechtem Englisch. Ab 1985 stürmte das ungleiche Duo um den Hamburger Komponisten Dieter Bohlen die Hitparaden und landete fünf Nummer-Eins-Hits in Folge. Bohlen erzählt keine echten Geschichten, er benutzt Worthülsen und austauschbare Satzbausteine. Von Hause aus Betriebswirt, setzt er im Verein mit der Plattenfirma auf universelle Kommerzialisierbarkeit und bedient den niedrigsten gemeinsamen Nenner aller Teenies: Verliebtheit und Herzschmerz. Reine Liebe, die zur Ehe wird, Familie, Treue, gemeinsam etwas aushalten unter dem Segen Gottes? Quatsch! Gefühle sind alles!

Nehmen wir exemplarisch „You’re My Heart, You’re My Soul“, einen Welthit mit inzwischen 885 Millionen Aufrufen allein bei Youtube, erschienen am 29. Oktober 1984; tausendmal im Radio gespielt, tausendmal gehört, unzählige Teenager tanzten und schmachteten dazu in den Diskotheken:

Deep in my heart, there’s a fire, a burning heart.
Deep in my heart, there’s desire for a start.
I’m dying in emotion,
It's my world in fantasy …

Brennende Leidenschaft, der Wunsch, endlich etwas loszumachen, freischießende Fantasien: so charakterisiert sich das lyrische Ich in der ersten Strophe.

Die zweite wird expliziter, es geht ins Tun. Als Parallelismus erscheint wieder das „brennende Herz“ in der ersten Zeile der Strophe, die appellativ beginnt: „Lass uns die Tür schließen“. Die Tür zu machen – das stellt einerseits den Raum für ungestörte Zweisamkeit her; darin schwingt andererseits auch Absonderung von der Welt, eine Grenzziehung zu überlieferter Moral und Sitte mit, damit die ultimative Grenzüberschreitung möglich wird (Sünde kommt von „sondern“, vgl. auch mittelniederdeutsch „Sund“, Graben, Abgrund).

„Come on“, fordert das lyrische Ich auf, lockend, verführend. Da die Gefühle es stimmig erscheinen lassen, kommt es zu vorehelichem Sex – in klischeehaft-romantischer Atmosphäre. Die brennenden Kerzen korrespondieren mit dem entzündeten Herzen, musikalisch hier untermalt von einer sehnsüchtig-jaulenden E-Gitarre:

Let’s close the door and believe my burning heart,
Feeling alright, come on, open up your heart!
I keep the candles burning,
Let your body melt in mine ...

Ob das lyrische Ich seine Träume lebt oder die Liebesszene nur schwärmerisch erträumt, bleibt unklar – die wiederholte Strophenzeile „I’m living in my, living in my dreams“ lässt beides möglich erscheinen.

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You’re my heart, you’re my soul,
That’s the only thing I really know

lautet ein Teil des Refrains. Ob diese bloß auf momentane Gefühle gebaute Überzeugung ausreicht, um „dich für immer zu halten und mit dir zusammenzubleiben“ („I’ll be holding you forever, / Stay with you together“)?

Die Zeilen

You’re my heart, you’re my soul,
I’ll keep it shining everywhere I go

vom Beginn des Refrains lassen einen guten Willen erkennen, das Licht der Liebe treu zu bewahren – allein, die Grundlage der Beziehung aus bloßem heißem Gefühl und verfrühter Vereinigung ist schon verkorkst, weil der dritte Schritt vor dem ersten getan wurde. Was ist, wenn das Brennen im Herzen genauso erlischt wie die brennende Kerze? Die emotionalisierenden Falsettchöre im Refrain tragen mit zu dem Eindruck bei, dass der Song romantische Liebe/Sex als säkularen Ersatzglauben auflädt – eine (Heils-)Erwartung, die notwendig scheitern muss.

Ein Blick auf Biografisches

Interessant in diesem Zusammenhang ein Blick auf die Biografien des Produzenten und Komponisten wie des Interpreten: „An dieser Stelle möchte ich mal was zu dem Thema sagen, was mich schon früh beschäftigte: Sex und Aufklärung“, schreibt Bohlen in „Nichts als die Wahrheit“ von 2002. In seiner Lebensbeschreibung bekennt Bohlen freimütig, schon mit fünfzehn Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. „Während alle anderen kifften, hatten Hendrike und ich ein Spezial-Hobby: die Auskundschaftung des Erotischen. Ich kaufte mir eine 8-mm-Kamera und drehte wilde Filme mit Hendrike in der Hauptrolle, Theresa Orlowski hätte Bauklötze gestaunt. Wir schworen uns ewige Liebe und wollten heiraten.“ Orlowski ist eine aus Polen eingewanderte Pornodarstellerin.

Das Zusammenleben in der Göttinger Studentenbude, die „Ehe auf Probe“ ohne Ehekonsens, brachte nichts: Bohlen war nach eigener Darstellung eifersüchtig, vernachlässigte sie, hatte nur seine Ziele im Kopf. Eine Abtreibung („Ich wollte das Kind. Hendrike nicht“) führte letztendlich zum Bruch der Beziehung. Jahrzehnte später bekannte er: „Ich verlor meine Traumfrau. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Ich brauchte Jahre, bis ich über Hendrike hinweg war. Und selbst danach war da nur eine dünne Kruste Schorf.“

Das merkt man Bohlens Kompositionen an – „schwermütig, melancholisch, dieses ganze Moll-Feeling in meiner Musik“. Titel wie „Heaven Will Know“, „Just Like An Angel“, „Only Love Can Break My Heart“, „Save Me, Don’t Break Me“, „Charlene“, „Love Don’t Live Here Anymore“ oder „Silent Water“ erzählen, wie unbeholfen auch immer, von Sehnsucht, unglücklicher Liebe und gebrochenem Herzen.

Der anderen Hälfte von Modern Talking ging es nicht besser. Auch Leadsänger Thomas Anders konnte seine Ehe nicht durchtragen. Nach dem großen Durchbruch mit „You’re My Heart“ Anfang 1985 und nach der zivilen Eheschließung fragte Bravo-Reporterin Inge Czygan bei einer Homestory den damals 21-Jährigen frech, ob er vor Nora viele Freundinnen gehabt habe. „Du wirst es nicht glauben, aber sie war die Erste“, antwortete Anders. „Heißt das, dass du mit 19 Jahren zum erstenmal mit einem Mädchen geschlafen hast?“, bohrte Bravo weiter. Und Thomas darauf: „Ja.“

Nachdem er bereits vor der Verlobung ein Jahr zuvor mit ihr zusammengewohnt hatte, schloss der ehemalige Messdiener im Juli 1985 mit großem Pomp in Koblenz die kirchliche Ehe mit Nora Balling. Fortan gluckten die beiden derart aufeinander, dass Anders nicht einmal allein zum Briefkasten gehen konnte. Der Verdruss von Geschäftspartner Bohlen über die unentwegten Querschüsse von „Nörchen“ sind bekannt. Nach dem (ersten) Ende der Band kam auch bald das Ende mit Frau Nora. Nach ihrem zeitweiligen Umzug nach Amerika stimmten bei Anders „die Gefühle“ nicht mehr, man hatte sich auseinandergelebt, bekannte er in seiner Autobiografie von 2011. Trennung, Scheidung. Bald darauf eine neue Frau. Wird die Weltanschauung, der er die Stimme lieh, ihren Teil zu alldem beigetragen haben?

Der Sound zum Ex-und-hop-Sex

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Der deutschsprachige Schlagertitel, der vor 40 Jahren durch Diskotheken und Jugendzimmer ins Bewusstsein hämmerte, „Ohne dich (schlaf’ ich heut Nacht nicht ein)“ der Band Münchner Freiheit, wirkt weit unverschämter als die Stücke von Modern Talking, weil er in unserer Muttersprache daherkommt.

Ich will nichts garantieren,
Was ich nicht halten kann,
Will mit dir was erleben,
Besser gleich als irgendwann,
Und ich geb’ offen zu – 
Das was ich will, bist du!

Das gleiche Muster: Was dir deine Gefühle, deine Sinnlichkeit eingeben, tu es sofort, aber unverbindlich, ohne etwas zu versprechen oder gar dich selbst jemandem zu versprechen.

Ich will auch nichts erzählen,
Was dich eh nicht interessiert

Nanu? So wenig neugierig auf den anderen? Verstehen sich die beiden etwa gar nicht so wirklich? 

Will mit dir was erleben,

… na, was wohl?

Was uns beide fasziniert.

Der melodisch mitreißende Refrain, viele Male wiederholt, verkündet hymnisch:

Ohne dich schlaf’ ich heut Nacht nicht ein,
Ohne dich fahr’ ich heut Nacht nicht heim,
Ohne dich komm’ ich heut nicht zur Ruh,
Das was ich will, bist du!

Warten, Prüfen, Selbstzucht: kein Gedanke! Münchner Freiheit liefert den Sound zum promiskuitiven Disko-Hopping, zum One-Night-Stand, zur konsumistischen Vernutzung wechselnder Gespielinnen, bestenfalls für irgendwelche Beziehungen – alles Methoden, sich nachhaltig bindungs- und eheunfähig zu machen.

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„Living In Sin“ geht noch einen Schritt weiter: Der Hit der US-Hardrockband Bon Jovi pfeift explizit auf die kirchliche Lehre zu Ehe und menschlicher Geschlechtlichkeit. Das Musikvideo dazu zeigt schamlos Erotikszenen:

I don’t need no license to sign on no line,
And I don’t need no preacher to tell me you’re mine,
I don’t need no diamonds, I don’t need no new bride,
And I just need you, baby, to look me in the eyes.
I know they have a hard time, your daddy don’t approve,
But I don’t need your daddy telling us what we should do.

Der Selbstbehauptungswunsch junger Leute gegenüber elterlichen Wünschen mündet hier in eine Abkapselung zweier Menschen in einen „Égoïsme à deux“ (Erich Fromm, „Die Kunst des Liebens“) und in ein so stolzes wie dummes Nein gegenüber überlieferten sittlichen Normen, welche der Sexualität ihre Destruktivität nehmen und die Kraft in gute, tragfähige Bahnen lenken. Nebenbei missversteht das lyrische Ich die Funktion eines katholischen Geistlichen bei der Eheschließung. Nicht der Priester schließt die Ehe – das Sakrament der Ehe spenden sich die Brautleute gegenseitig, der Zelebrant assistiert. Das Ehesakrament ist das einzige der sieben Sakramente, die die römisch-katholische Kirche kennt, das nicht der Priester erteilt. 

Der Refrain stellt den als unangenehm empfundenen Gegensatz von gesellschaftlichem und kirchlichem Urteil und den Liebesgefühlen des lyrischen Ich heraus:

Baby, can you tell me just where we fit in?
I call it love, they call it living in sin.
Is it you and me or just this world we live in?
We’re living on love, they say we’re living in sin.

Die von sich eingenommene Ich-Perspektive ist notwendig beschränkt. Der abgewertete daddy, Vater, könnte indes vorausdeuten und einordnen: So, wie ihr das anfangt, wird es mit euch nicht lange gehen. Wenn eure Liebe so heiß und groß ist, wie ihr beteuert, warum holt ihr sie nicht hervor aus dem Dunkel-Gefühligen der Nacht und sagt ja zueinander im klaren Licht des Tages? Vor Gott und den Menschen, für ein Leben?

Was wir nicht mehr gelernt haben

Schon die späten Babyboomer kamen mit der „nichtrepressiven Sexualpädagogik“ im Gefolge der Frankfurter Schule in Berührung. Ab der Generation X sind sämtliche Jugendlichen in der entgrenzend-konsumistischen Popkultur aufgewachsen, die keine andere Norm propagiert, als dem Kaleidoskop an Wünschen des eigenen Ich zu folgen: Alles, und zwar sofort. Anzunehmen, dass Filme und Popmusik, die „freie Liebe“, also ehelose Sexualität propagieren, ohne Wirkung auf Einstellungen und Verhaltensweisen der Konsumenten blieben, wäre schlichtweg naiv. Dass Propaganda, zumal unterschwellige, wirkt und formt, ist vielfach untersucht worden.

Die Sexualität, unser Herz, unser Intimstes, für die Ehe zu bewahren, hat von uns Heutigen niemand mehr gelernt. Biologielehrbücher für die 6. Klassen bilden halbnackt beieinanderliegende Teenager-Pärchen ab und lehren, alles sei in Ordnung, solange es sich „gut anfühlt“ und im gegenseitigen Einvernehmen geschieht. Nur bei der Verhütung solle man ja aufpassen.

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Im Religionsunterricht der schulischen Oberstufe ging es um Umweltschutz, Ausländerhass und Armut in der „Dritten Welt“. Darum, wie wir Teenager mit unseren Gefühlen, dem Spiel der Geschlechter, dem Verliebtsein und der Sexualität umgehen können, ob es ein Sittengesetz gibt, das nicht aus Daffke existiert und ob Bibel und Lehrschreiben ein Rüstzeug auch fürs Leben in Ehe und Familie bieten – darum ging es nicht, da klaffte eine große Leerstelle.

Ungedeckte Wechsel

Als junge Leute wurde unsere Generation gepiesackt mit Fragen wie: Was willst du nach der Schule machen? Was willst du werden? Wie willst du Geld verdienen? Niemand fragte uns: Willst du mal eine Familie gründen? Was tust du, um einen guten Ehepartner zu finden? Weißt du, worauf es dabei ankommt?

Mehr als zuvor ist Trennung in der Wegwerf-Gesellschaft unserer Epoche jederzeit eine Option, erst recht für Liebesbeziehungen, die leichtfertig mit Sex begannen. Da ein Schlussmachen selten im Einvernehmen geschieht, können, je nach Konstitution der jungen Menschen, schwere seelische Verletzungen die Folge sein, die das Zutrauen in das andere Geschlecht wie zu sich selbst dann nachhaltig beschädigen. Eine gebrochene Rippe heilt wieder, ein gebrochenes Herz mitunter nie mehr: ‘Du hast mich doch so lieb angestrahlt, wir haben uns geherzt und geküsst und geknuddelt, haben uns geneckt und gestritten, waren einander so nah, so nah – und jetzt war alles nicht wahr?? Nie zuvor war ich so glücklich, aber du fandest dann, dass wir nicht zueinander passen?’

Oben stand es schon, dass selbst ein nach außen hin harter Macker wie Dieter Bohlen bekannte: „Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Ich brauchte Jahre, bis ich über Hendrike hinweg war. Und selbst danach war da nur eine dünne Kruste Schorf.“

Sich auf das Zutun der Zeit zu verlassen, ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft. Man kann zwei Blätter Papier mit Uhu zusammenkleben. Aber man bekommt die beiden Papiere nie wieder sauber auseinander. Ein Blatt reißt mindestens.

Die Kirche lässt die jungen Menschen ins Messer laufen

Der Hamburger Missionar und katholische Katechist Hinrich E. Bues hielt in „Sex ohne Ehe hat nicht glücklicher gemacht“ den Befund fest: „Regten sich in den siebziger Jahren in der katholischen Kirche noch Widerstände gegen die ‘Sittenlosigkeit’ der jungen Menschen, war dies spätestens in den achtziger Jahren vorbei.“

Gegen die Desorientierung durch verführerische Schlager aus dem Radio, die uns Jugendliche da abholten, wo wir standen, um uns dann dort festzuhalten und finanziell auszubeuten, kam die Flüsterstimme der kirchlichen Verkündigung nicht an. Die Ablenkung und Beeinflussung durch Medien und Technik ist heute noch ungleich größer als in den achtziger Jahren: Waren es damals nur Radio, Tonträger, Fernsehen und Zeitschriften, so geben heute Smartphone und Algorithmen-gesteuerte Social-Media niemals Ruhe.

Bei seinem ersten Deutschlandbesuch 1980 sprach Papst Johannes Paul II. als großer Familienseelsorger den Gläubigen ins Gewissen:

„Man kann nicht nur auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe sterben. Man kann nicht nur auf Probe lieben, nur auf Probe und Zeit einen Menschen annehmen.“

In der liberalen Öffentlichkeit wurde der Papst unaufhörlich kritisiert und verächtlich gemacht. In den katholischen Kirchengemeinden wurde er sicherlich verehrt; aber wurde seine Botschaft kraftvoll und zielgerichtet verkündet? Seine „Theologie des Leibes“ beispielsweise läuft in Deutschland auch nach vierzig Jahren noch tief unter dem Radar.

In Predigten ging es um Gottes Liebe zu uns und um allgemeine Menschenliebe, aber nicht um etwas Konkret-Praktisches für uns damals junge Leute. Im Gegenteil: Zu dem für Teenager hochinteressanten Gebiet von Liebe, Sex und Zärtlichkeit herrschte ein großes Schweigen, da hatte die Bravo mit der gleichnamigen Rubrik, die 1985 begann, leichtes Spiel.

In Sachen Liebe, Ehe und Familie laufen die jungen Leute ins Messer, das ist damals wie heute nichts anders; die kirchliche Ehevorbereitung spottet weithin jeder Beschreibung, was auch in Rom schon registriert wurde. Und im Beichtstuhl bekommt man vom Geistlichen zu hören, man solle doch bitte nicht so viel im Katechismus lesen (so kürzlich geschehen in der Bischofsstadt Hamburg mit ihrem sexpositiven Rahmenkonzept).

Liebe braucht einen Sicherheitsraum

Eine 44-Seiten-Kleinschrift von 1988 macht hinter „Sexuelle Beziehungen vor der Ehe“ ein Fragezeichen und führt psychologische Überlegungen an. Der Autor Reinhold Ortner hat als Diplom-Psychologe jahrelang junge Menschen begleitet und war von 1972 bis 1999 Professor für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Bamberg.

Schon ein Blick auf die Kapitelüberschriften zeigt, dass das Wohl der jungen Leute ernst genommen wird:

  • Sexuelle Bindung vor der Ehe verhindert die Freiheit der Entscheidung,
  • Sexuelle Erfahrungen vor der Ehe sind keine Hilfe für die spätere Ehe,
  • Liebe braucht einen Sicherheitsraum,
  • Geborgenheit braucht einen Schutzmantel,
  • Verstoß gegen die Treue,
  • Liebe braucht Selbstbeherrschung,
  • Gesundheitliche Risiken.

Das die Schrift beschließende Kapitel zum sechsten Gebot Gottes begegnet einem verbreiteten Einwand, der etwa so lautet: Wir sind beide nicht verheiratet, wie sollten wir denn da die Ehe brechen?! Eine solche Betrachtungsweise nennt Ortner „allenfalls vordergründig“:

„Voreheliche sexuelle Liebe ist immer auch ein Einbruch in Gefilde der Ehe, ist ein der Ehe vorbehaltenes Sich-Binden an einen Partner, der oft gar nicht der spätere echte Ehepartner wird. Wenn die beiden nun später einen anderen heiraten, haben sie in Bezug auf die Eheverbindung mit diesem Partner bereits die Treue im Vorgriff gebrochen. Außereheliche Prägung und Bindung, auch wenn diese der Vergangenheit angehören, rücken deutlich in die Nähe des Ehebruchs. (…) Vor- und außereheliche sexuelle Liebe stellt immer auch eine Missachtung des Sakramentes der Ehe und des sechsten Gebotes dar.“

Der Autor weist auf die so unmissverständliche wie unbequeme Aussage Christi hin: „Ein jeder, der eine Frau anblickt in begehrlicher Absicht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen“ (Matth. 5,28). „Hat denn dann nicht jemand, der ein Mädchen oder eine Frau nicht nur begehrlich anblickt, sondern auch mit ihr schläft, ohne dass er mit ihr verheiratet ist, weit schwerwiegenderen Ehebruch verschuldet?“

Weil wir so gefährdet sind

Viele Zeitgenossen verhielten sich „gefährlich überheblich“ und schadeten sich „letztlich nur selbst, wenn sie meinen, ihre Befreiung mit der Missachtung der Gebote Gottes verwirklichen zu können“.

Eben weil der Mensch im Bereich seiner geschlechtlichen Begierde so gefährdet ist und kaputte Ehen und Familien katastrophale Folgen in der Gesamtgesellschaft nach sich ziehen, „sollten wir uns selbst und unseren Mitmenschen wieder deutlicher klarmachen, wie wichtig die Einhaltung des sechsten Gebotes Gottes ist“.

Gott der Herr hat die Gebote ja nicht gegeben, weil er dem Menschen etwa ein Vergnügen neidete, ihm eine harmlose Freude missgönnte oder ihm ein kostbares Gut vorenthalten wollte: „Vielmehr ist jedes Gebot zum Wohle des Menschen da, damit sie das Beste aus ihrem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben machen.“

Gott will mit im Bunde sein!

Nach dem ermutigenden Zwischentitel „Ehe als Sakrament: Gott schützt die Liebe“ unterstreicht Ortner, dass eine sakramentale Ehe eigentlich eine Ehe zu dritt ist: Der Dritte im Bunde ist der liebe Gott. Denn:

„Liebe zwischen Mann und Frau entfaltet sich innerhalb der Ehe zugleich im Eingebundensein in das Sakrament der Ehe. Dieses Sakrament ist etwas, das nur innerhalb der Ehe seine übernatürliche Wirkung entfaltet, nicht vor oder außerhalb der Ehe. Die Ehe selbst ist das Sakrament. Die totale Gemeinschaft von Mann und Frau, welche die Ehe durchwirkt, ist ein Sinnbild der Verbindung Gottes mit dem Menschen. Über ihr steht die unkündbare Liebe und Treue.“

Von der Geborgenheit der Ehe in Gott, von der Einbindung in seine Gebote, von seinem Mit-im-Bunde-Sein hingen daher Segen, Glück und Gelingen von Ehe und Familie ab. „‘Sexuelle Gemeinschaft“, zitiert Ortner zustimmend den Biologen Joachim Illies, „geht nur gut, wo die Einbindung des eigenen Seins in die Kraftquelle eines höheren Zusammenhangs vorgenommen wird. Wo der Himmel nicht dabei ist, zerfällt jede Gemeinschaft in Kürze.’“

Für uns Menschen und zu unserem Heil

Auch wenn man der hier behaupteten Hundertprozentigkeit nicht wird zustimmen mögen, so ist der Gehalt der Broschüre doch von der Art, dass jeder Bischof, Pfarrer und Diakon bei Begegnungen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Pfarrsaal, auf Freizeiten, Wallfahrten und Firmvorbereitungen eindringlich davon sprechen müsste: Es ist seine verdammte Pflicht. Zu predigen, was die Kirche immer und zu allen Zeiten gelehrt hat, ob gelegen oder ungelegen. Die jungen Menschen vor verfehlten Lebenshaltungen zu bewahren, die anvertrauten Seelen vor schwerem Schaden und nicht selten vor dem Verlust des Glaubens zu retten.

Und wenn die Jugendlichen es scheinbar nicht hören wollen: Ein lieber Zuspruch ist nie vergebens. Irgendetwas wird schon hängenbleiben. Verpackt es in verständliche Worte:

‘Hütet euer Herz, um alles in der Welt: Hütet euer Herz! Macht euch nicht unglücklich! Lasst euch nicht einreden, ihr müsstet erst mal Erfahrungen sammeln, ausprobieren, vergleichen! Der andere ist kein Trainingspartner wie beim Sport, spielt also nicht mit ihm! Spielt nicht mit der Liebe! Ihr operiert am offenen Herzen! Das kann schnell tödlich enden! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um! Es gibt kein zweites erstes Mal, und Sex ohne Ehe ist eine Lüge, ein schrecklicher Selbstbetrug! Ihr werdet die Erinnerungen nie wieder los. An Gottes Segen ist alles gelegen, bez Boga ani do proga!

Eine Prüfung könnt ihr verhauen, das ist nicht tragisch; frühe Verwundungen aber sind das Schlimmste, was ihr euch einhandeln könnt für euer weiteres Leben! Darüber hilft auch kein neuer Freund/keine neue Freundin hinweg. Die Popkultur, der promiskuitive Lebensstil, geht gegen euch, eure psychische Gesundheit, euer seelisches Gleichgewicht, eure Bindungs- und Liebesfähigkeit! Und auch wenn alle so leben: Ihr seid erkauft mit Seinem Blut! Ihr seid in der Welt, aber nicht von der Welt! Der liebe Gott will euch etwas viel Besseres geben!’

Verkündet es von den Kanzeln, predigt es von den Podesten, geht in die Talkshows, streamt es im Internet, redet! Die Sexualität hat ihren Platz in der Ehe, nirgendwo sonst! Wer etwas anderes sagt, spricht nicht die Wahrheit und will euch nur manipulieren. – Die Kirche hat sich nicht lieb Kind zu machen, die Kirche hat nicht ihren Beitrag zu leisten, die Kirche hat den Ausschlag zu geben! Von diesem Geist muss kirchliche Verkündigung wieder erfüllt sein, will sie einen wirksamen Damm bauen gegen die Flut an Irrlehren der Popkultur, die in Sonderheit auf das sechste Gebot zielen.

Jungen Menschen zu ermöglichen, mit unverletztem Herzen in die Ehe zu gehen – sollte das nicht aller, aller Anstrengung wert sein?

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